Stefan Raitor:
Ohne Titel

Ich bin heute ganz früh aufgestanden, weil meine Mama mich geweckt hat. Nachdem wir uns angezogen hatten sind wir zum Arzt gefahren. Er hat mich untersucht und am Ende habe ich einen großen Lutscher bekommen. Einen Gelben! Die gelben Lutscher sind lecker, sie schmecken so schön nach Zitrone.
Auf dem Weg nach Hause hat Mami noch Brötchen gekauft. Dann haben wir zusammen mit Papa gefrühstückt, aber er musste dann zur Arbeit. Er arbeitet immer so lang, er sagt, er muss ja auch viel Geld verdienen. Mami hat abgewaschen und ich habe ihr geholfen. Ich habe die Teller abgetrocknet und auch die Tassen und meinen großen Kakaobecher mit dem kleinen roten Clown drauf. Ich habe ihn ganz vorsichtig gehalten, denn ich will nicht, dass er kaputt geht, weil er mein Lieblingsbecher ist.

Danach musste Mama zum einkaufen. Ich wollte mit aber Mama sagte nein, es ginge heute nicht. Sie gab mir einen Kuss zum Abschied und sagte, dass sie gleich wieder da sei. Dann fuhr sie los. Ich schaute ihr durchs Fenster nach. Ich habe lange am Fenster gesessen. Ich beobachte die Vögel, die großen schwarzen, die im Baum im Garten ihr Nest in unserem Kirschbaum haben. Es waren zwei. Sie flogen immer wieder vom Nest in den Garten von nebenan und manchmal hatten sie einen Wurm im Schnabel. Manchmal stellte ich mir auch vor, ich wäre ein Vogel. Ich könnte fliegen und Nester bauen. Aber Würmer würde ich nicht fressen, die würde ich sicher nicht mögen. Mamis Erbsensuppe mag ich, sie tut mir immer besonders viel Wurst hinein, sie sagt, damit ich groß und stark werde. Irgendwann wurde es mir zu langweilig, den Vögeln zuzusehen.
Ich machte ein Wettrennen mit mir selber im Flur bis in die Küche dann um den Tisch herum und zurück zur Haustür bis ich nicht mehr konnte. Beinahe hätte ich dabei einen Stuhl umgeworfen und Mama wäre sicher böse gewesen, aber er blieb stehen. Kurz darauf kam Mama auch nach Hause. Sie hatte eine große Tüte voller Sachen und neugierig schaute ich ihr dabei zu, wie sie die Tasche auspackte und die Sachen wegräumte. Ich half ihr dabei, in dem ich ihr sagte, was in den Kühlschrank gehört und was in das große Holzregal in der Nische. Sie lächelte und bedankte sich, dass ich ihr so toll geholfen hatte.

Dann fing sie an das Mittagsessen zu kochen. Heute gab es keine Erbsensuppe, sondern Frikadellen mit Stampfkartoffeln und Gemüse. Das mochte ich auch gerne und auch Papa, aber der kam ja erst am Abend wieder nach Hause und isst immer dann. Ich und Mama haben aber schon um 1 Uhr gegessen. Ich habe eine ganze Frikadelle gegessen und noch eine halbe, Mami war ganz erstaunt, aber sie wusste ja nicht, dass ich ein Wettrennen mit mir selber gemacht hatte und Wettrennen machen doch hungrig.
Nach dem Essen wollte ich ein bisschen fernsehen. Mami hatte nichts dagegen, aber nur ein bisschen, sagte sie, denn ich musste ja noch meine Schulsachen machen, auch wenn ich im Moment nicht zur Schule konnte.

Ich schaute einen Zeichentrickfilm auf dem Kinderkanal an der lustig war. Außer als die Katze die Maus fressen wollte, das fand ich gemein. Aber die Katze hat sie nicht bekommen und die Maus hat ihr die Zunge rausgestreckt in ihrem Mauseloch. Pascal, mein bester Freund, brachte mir um 2 Uhr die Schulaufgaben mit und erzählte mir aus der Schule. Heute erzählte er mir, dass Frau Müller, unsere Klassenlehrerin, auch bald nicht mehr zur Schule kommen würde, weil sie ein Baby bekommt. Sie hat schon einen dicken Bauch, sagte er und stopfte sich ein Kissen vom Sofa unter seinen grünen Pullover um es mir zu zeigen. Das sah lustig aus und wir haben viel gelacht. Mami hat auch gelacht und uns dann Limonade gebracht. Das macht sie immer. Sie ist die beste Mami auf der ganzen Welt. Mindestens.
Ich war traurig als Pascal gehen musste, aber im Winter muss er immer früher gehen, weil es da schnell dunkel wird draußen und seine Mama sich sonst Sorgen macht. Mami machte mit mir die Hausaufgaben zu Ende und dann spielten wir "Mensch ärgere dich nicht". Ich bekam die Roten Figürchen und sie die Blauen und ich habe ganz oft gewonnen. Irgendwann musste Mami dann das Essen für Papa fertig machen. Ich blieb so lange in meinem Zimmer und spielte mit meinen Matchboxautos und der Tiefgarage.

Als Papa kam bin ich schnell zur Türe und er hat mich auf dem Arm genommen und in die Küche getragen. Er stöhnte zwar als er mich absetzte und sagte, dass ich schon so groß und schwer geworden sei, aber ich weiß, dass er mich noch viel weiter tragen könnte. Mama und Papa unterhielten sich in der Küche über die Arbeit von Papa während er aß. Das war langweilig und so bin ich wieder ab in mein Zimmer und habe die Autos weggeräumt, damit Mama nicht schimpft, denn sie kann es nicht leiden, wenn ich alles liegen lasse.

Aus meinem Zimmer sah ich, dass Mama und Papa ins Wohnzimmer gingen. Er schaltete den Fernseher ein und schaute Nachrichten. Mama saß auf dem Sofa und flickte meine braune Cordhose. Mami nähte einen Flicken auf ein Loch, ich durfte mir sogar aussuchen, was für einen. Sie hatte eine Katze und einen roten Ballon und einen Fußball. Ich wollte den Ballon, denn Rot ist meine Lieblingsfarbe und Mama nähte den Flicken über das Loch. Dann musste ich ins Bett.
Ich putzte noch meine Zähne und sagte Mama gute Nacht. Papa brachte mich wie jeden Abend ins Bett und erzählte mir noch die Geschichte vom kleinen Wutz. Mama kam noch und gab mir einen Kuss und dann gingen die beiden wieder ins Wohnzimmer.
Ich schlief nicht sofort ein und beobachtete noch ein bisschen den dunklen Himmel und den Mond durch mein großes Fenster. Ich dachte an den Mann im Mond und fragte mich, ob ich ihn vielleicht mal sehen könnte, wenn ich den Mond die ganze Nacht hindurch beobachten würde. Plötzlich hörte ich Mama und Papa im Wohnzimmer reden. Sie waren laut. Sie stritten. Ich konnte nicht genau hören, worum es ging, aber ich konnte es mir denken. Papa wurde immer lauter und Mama fing an zu schluchzen. Ich presste die Augen fest zusammen aber ich konnte die Tränen nicht aufhalten.
Ich wusste, es ging um mich.
Lieber Gott, kannst du mir nicht einen neuen Rollstuhl schenken?

( Inspiriert von S.I.H. ,an die ich in letzter Zeit viel denken musste und bei der ich mich viel zu selten gemeldet habe.)

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)


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