Robert Pöhler:
Der Handwerksbursch

Der Handwerksbursche Tom hatte seinem Meister drei Jahre lang treu gedient. Zum Abschied sagte der Meister: "Geld habe ich leider nicht, aber dafür diese drei Zauberdinge, einen Becher, eine Flöte und dieses Paar Sandalen." Tom fragte, was er damit solle, mit solchen abgenutzten Dingen. Außerdem, was sollte an diesen so genanten Zauberdingen so zauberhaft sein? Der Meister antwortete: "Das Zauberhafte an diesen Dingen ist, dass, wenn dreimal gegen den Becher klopfst, so steigt frisches Wasser in ihm auf, spielst du auf der Flöte, muss jeder tanzen, der die Musik hört. Und springst du mit den Sandalen, so springst du so hoch wie der höchst Kirchturm."

Als Tom das hörte, dankt er seinem Meister und ging fröhlich seiner Wege. Er dachte darüber nach, wohin er gehen könnte. Da fiel ihm ein, dass er einmal gehört hatte, dass es hinter der großen Wüste eine riesige Stadt geben solle. Allerdings wusste er auch, dass es noch ein paar andere Hindernisse geben solle. Das störte ihn aber wenig, denn er hatte ja die drei Zauberdinge. Also machte er sich auf in Richtung Wüste. Als er ein paar Tage später am Rande der Wüste auf einen Felsen kletterte, bekam er einen Schreck: die Wüste war doch größer, als er gedacht hatte. Aber davon ließ er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Eher schon davon, was er dort, in der Stadt, eigentlich machen sollte. Logisch natürlich die Arbeit, die er erlernt hatte, denn einen Schreiner braucht man ja eigentlich überall, und Konkurrenten würde er schon schlagen. "Aber", überlegte Tom "ich will dort nicht nur schreinern, nein, ich will dort auch eine Frau haben."

So dachte Tom und ging festen Schrittes direkt in die Wüste. Als er ein paar Stunden durch die Wüste gelaufen war, plagte ihn der Durst. Er holte den magischen Becher aus seinem Bündel und klopfte dreimal dagegen. Und tatsächlich, es stieg Wasser aus seinem Grund. Immer mehr und mehr, bis er voll war, und Tom trank davon. Kurz darauf traf er einen alten Mann. Er fragte: "Kannst du mir bitte etwas Wasser geben? Sonst muss ich verdursten!"
"Natürlich." antwortete Tom. Er nahm seinen Becher, klopfte dreimal gegen ihn und gab kurz darauf dem Mann das Wasser zu trinken. Der Alte trank es und fragte Tom, was er hier in der Wüste mache. Daraufhin erzählte Tom ihn von seinem Plan, dass er zu der Stadt hinter der Wüste wolle. Der Alte riet ihm davon ab, denn hinter der Wüste lag noch ein großer Wald, voll mit Räubern. Und dahinter noch ein riesiges Bergmassiv. Doch Tom ließ sich davon nicht abschrecken. Er sagte zu dem alten Mann: "Pah, das macht mir nichts aus." Dann verabschiedeten sich die beiden, und jeder ging seines Weges. Tom weiter in die Wüste hinein, der alte Mann in die entgegen gesetzte Richtung.

Für Tom war es schrecklich. Am Tag war es glühend heiß, so dass er seinen Becher reichlich gebrauchen musste. Doch während der Nacht war es eiskalt, so dass er fast erfroren wäre. Aber er sagte sich: "Pah, das werde ich wohl noch schaffen." Ungefähr eine Woche, nachdem er den alten Mann getroffen hatte, war er am Rand der Wüste angelangt. Er konnte den nahe gelegenen Waldrand deutlich sehen. Kurz darauf schritt er in den Wald. Nach einer Weile hörte er ein Rascheln. Dann ein Ruf: "Los, auf ihn mit Gebrüll!"

Eine riesige Schar Räuber tauchte plötzlich wie aus dem Nichts vor Tom auf. Er rannte so schnell er konnte weg, durch den Wald, die Räuber dicht hinter ihm. Doch auf einmal ragte eine steile Felswand vor ihm empor. Da dachte er an die Zauberflöte. Schnell packte er sie aus und fing an zu spielen. Und wie der Meister gesagt hatte tanzten die Räuber. Tom spielte solange, bis einer nach dem anderen benommen umfiel. Diese Chance nutzte Tom, um zu verschwinden. Ein paar Tage später erreichte Tom die Berge. Als er sah wie steil und hoch sie waren, bekam er ein kleines bisschen Angst. "Aber wozu habe ich denn meine Sandalen?" fragte er sich. Also zog er sie an und hopste fröhlich von Berg zu Berg.

Auf dies Weise gelangte er schon nach relativ kurzer Zeit an die Tore der Großen Stadt, die den Namen Rhohoco trug, wie er später erfuhr. Als er durch das Tor schreiten wollte, fing ihn eine Wache ab und fragte, woher er käme. Tom erzählte daraufhin, dass er aus einer Stadt käme, die hinter den Bergen lege. Nachdem der Wächter das gehört hatte lachte er und sagte: "Ha, und das soll ich dir auch noch glauben? Oh, wirklich zu komisch. Los, komm mit, ich muss dich unserem Herrscher vorführen." Als Tom vor dem Herrscher stand, bewunderte er ihn sofort. Stolz, kräftig, und doch elegant. Tom erzählte, wie er nach Rohoco gekommen war, von der Wüste, dem Wald und von den Bergen. Dem Herrscher, der übrigens den Namen Walhimus trug, imponierten die Abenteuer von Tom so sehr, dass er ihn zu sich einlud. Später am Tisch stellte Walhimus seine Tochter vor.

Und da geschah es, Liebe auf den ersten Blick. Tom gefiel ihr und sie gefiel Tom. Walhimus sagte: "Darf ich vorstellen? Meine Tochter Mahra. Mahra, das ist Tom aus der Stadt hinter den Bergen." Tom dacht: "Mahra heißt sie also. Ein schöner Name." Mahra wiederum dachte: "Tom heißt er also. Ein schöner Name."

Nach dem Mahl trafen sie Tom im Flur. Sie besprachen etwas miteinander. Nachher fragte Mahra ihren Vater, ob Tom noch etwas bleiben könnte. Walhimus willigte ein. Ein paar Tage später fragte Tom Walhimus, ob er seine Tochter Mahra zur Frau nehmen dürfe. Walhimus war darüber sehr erstaunt, aber er sagte: "Gut, ich bin einverstanden, sofern sie dich will. Denn jeden anderen, der um ihre Hand angehalten hat, hat sie abgewiesen. Warum sollte es bei dir anders sein?" "Och, das macht mir nichts aus." antwortete Tom. Walhimus war über seine Selbstsicherheit sehr erstaunt, fragte aber nicht weiter nach. "Wenn sie ihn nimmt, mir soll es recht sein. Wenn nicht, ist es auch gut." Als Tom am nächsten Tag um Mahras Hand anhielt, antwortete sie mit einem Lächeln: "Ja, ich will!" Und so wurde zwei Tage später die prächtigste Hochzeit in ganz Rohoco gefeiert, die es je gegeben hat. Es wurde gejubelt, getanzt und gelacht, drei Tage lang. Und Das war so laut, dass es sogar den Räuber hinter den Bergen im Wald kalt den Rücken herunter lief. Und wenn man ganz genau hinkörte und es ganz leise war, konnte man es sogar bis in die Heimatstadt von Tom hören.

Dann wurde es langsam wieder still in Rohoco. Nur zwischen den Bergen konnte man das Echo noch hören. Als Tom ein paar Jahre die Herrschaft über Rohoco übernommen hatte, nachdem König Walhimus abgedankt hatte, bekam er einen Sohn, den er Por nannte. Er und Mahra waren gütige Herrscher. Por wurde erwachsen und wollte auf Reisen gehen, in ferne Städte wandern. Besonders in eine, die hinter den Bergen liegen solle. Tom wusste natürlich, welche Stadt er meint. Und so erzählte er Por seine Geschichte und gab in die magischen Gegenstände. Als Por loszog, verabschiedete sich die ganze Stadt. Fröhlich hopste er los. Bleibt nur noch anzumerken, dass Tom und Mahra glücklich und treu bis an ihr Lebensende zusammengeblieben sind.

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)


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