Klaus Picker
'Mord in der Oper' oder 'Der Beginn des kulturellen Sommerprogramms'

Als Raucher muss sie mich interessieren, diese Carmen. Natürlich nicht die Person, sondern diese von einem Franzosen geschriebene spanische Oper. Sie handelt von Zigarettenfirma und -schmuggel und natürlich von Carmen oder Carmencita, ihrem Nick. Carmen ist natürlich sehr heissblütig, hat verschiedene Verehrer und singt die ganze Zeit, wie übrigens alle anderen auch.

Singen ist allerdings nicht die richtige Bezeichnung, sie knödeln alle laut und herzerweichend und dann auch noch in französisch, dieser wundervollen Sprache, die so herrlich klingt, die ich aber leider trotz vieler Jahre Unterricht überhaupt nicht verstehe. Dafür werden aber die deutschen Untertexte (für mich?) an der Decke eingeblendet, zumindest in der ersten Halbzeit, dann funktioniert dieser Service nicht mehr.

Ach ja, den Mega-Hit gibt's natürlich auch und das gleich mehrfach, "auf in den Kampf, Torero", wegen diesem Knüller bin ich ja nur mitgekommen und natürlich um meiner Angetrauten eine Freude zu machen. Ansonsten ist die Handlung schnell erzählt: armer Soldat verliebt sich in Carmen, die hat aber noch einen Offizier und den Torero zur Auswahl und kann sich nicht so recht entscheiden, typisch Frau halt.

Die erste Halbzeit schleppt sich ziemliche träge daher, am Bühnenbild hat man auch mächtig gespart, Stimmung kommt nur einmal bei einer geilen Table-Dance-Szene auf, dann ist Pause und man kann etwas durch die Gänge schlendern, das seriöse und etwas senile Publikum betrachten. Gottseidank keine Bekannten getroffen, sonst müsste man noch schlaue Gespräche über dieses tolle Stück führen, dafür draussen noch schnell eine geraucht und die gute Luft eingeatmet.

Die zweite Halbzeit beginnt noch düsterer, ohne Untertitel verstehe ich noch weniger, aber es muss wohl um Schmuggel gehen, zumindest werden immer blaue Müllsäcke über einen Zaun geworfen. Carmen entscheidet sich irgendwann dann doch für den Torero, er hat auch das schönste Kostüm an (wieder typisch Frau¿), der arme Soldat geht zu seiner lieben Freundin zurück, wird aber dort nicht richtig glücklich, kehrt wieder zu Carmen zurück und dann endlich kommt Freude und Spannung auf: nach 2 1/2 Stunden passiert endlich was, er ermordet Carmen. Da damit das Stück ein stimmungsvolles Ende gefunden hat, bringt er in einem Aufwasch sich gleich noch selbst um.

Allerdings können wir nun immer noch nicht nach Hause, die Schauspieler haben noch nicht genug, kommen immer wieder auf die Bühne und verneigen sich. Sie bedanken sich sehr freundlich dass das Publikum so lange durchgehalten haben, sie bedanken sich sicherlich auch schon im Voraus dafür, dass wir nun noch einige Minuten in der Tiefgarage festsitzen und die tolle Luft dort geniessen dürfen.

Alles in Allem ein gelungener musikalischer Abend, jetzt muss ich mich erstmal wieder an die richtige Musik gewöhnen, aber nächstes Wochenende geht es ja in den Westfalenpark unter das Sonnensegel, da spielen Rosenstolz, mal sehen wer dort umgebracht wird. Und zum (vorläufigen) Abschluss und absoluten Höhepunkt unserer diesjährigen kulturellen Sommerfestivitäten geht es dann in zehn Tagen nach Bremen zu Bruce Springsteen und ich bin jetzt schon gespannt, ob er auch 'auf in den Kampf, Torero' spielen wird.

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Anmerkung: Klaus Picker ist Pressesprecher des EHC Dortmund und in dieser Funktion den Umgang mit Worten gewöhnt. Diese Glosse fand ich so gelungen, daß ich sie unbedingt veröffentlichen wollte. Auf der Seite des EHC Dortmund würde sie vielleicht auch nicht so richtig ankommen. Schaut mal nach, der Link ist in meinem Link-Katalog.


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