A. A. Milne:
Pu baut ein Haus - Zweites Kapitel
In welchem Tieger in den Wald kommt und frühstückt

Winnie-der-Pu wacht plötzlich mitten in der Nacht auf und lauschte. Dann stieg er aus dem Bett und zündete seine Kerze an und stapfte durch das Zimmer um zu sehen, ob jemand versuchte seinen Honigschrank aufzumachen, aber das hatten sie gar nicht vor, und deshalb stapfte er wieder zurück, blies seine Kerze aus und ging ins Bett. Dann hörte er den Lärm wieder.
"Bist du das, Ferkel?", sagte er
Aber Ferkel war es nicht.
"Komm herein, Christopher Robin", sagte er.
Aber Christopher Robin kam nicht.
"Sag es mir morgen, I-Ah", sagte Pu verschlafen.
Aber der Lärm ging weiter.

"Worraworraworraworraworra", sagte das Was-es-auch-war und Pu fand, dass er überhaupt nicht schlief.

Was kann das sein?, dachte er. Es gibt jede Menge Geräusche im Wald, aber dies ist anders. Es ist kein Knurren, und es ist kein Schnurren, und es ist kein Bellen, und es ist nicht das Geräusch-das-man-macht-bevor-man-anfängt-zu-dichten, aber irgendein Geräusch ist es, und es wird von einem fremdartigen Tier gemacht. Also werde ich aufstehen und es bitten es nicht zu machen.
Er stieg aus dem Bett und öffnete die Haustür.

"Hallo!", sagte Pu für den Fall, dass dort draußen etwas war.
"Hallo!" sagte Was-es-auch-war.
"Oh!", sagte Pu. "Hallo!"
"Hallo!"
"Ach, da bist du!", sagte Pu. "Hallo!"
"Hallo!", sagte das fremdartige Tier, das sich fragte, wie lange dies wohl noch so weitergehen würde.
Pu wollte gerade zum vierten Mal "Hallo!" sagen, als er dachte, dass er das eigentlich doch nicht wollte, und deshalb sagte er stattdessen "Wer ist da?"
"Ich", sagte eine Stimme.
"Ach!", sagte Pu. "Dann komm doch mal her."
Also kam Was-es-auch-war her und im Licht der Kerze sahen Es und Pu einander an.
"Ich bin Pu", sagte Pu.
"Ich bin Tieger", sagte Tieger.
"Ach!", sagte Pu, denn so ein Tier hatte er noch nie gesehen.
"Weiß Christopher Robin, dass du da bist?"
"Natürlich", sagte Tieger.
"Tja", sagte Pu, "es ist mitten in der Nacht und das ist eine gute Zeit zum Schlafengehen. Und morgen früh essen wir dann etwas Honig zum Frühstück. Mögen Tieger Honig?"
"Sie mögen alles", sagte Tieger vergnügt.
"Wenn sie auch Fußböden mögen und gern drauf schlafen, werde ich wieder ins Bett gehen", sagte Pu, "und morgen früh machen wir dann Sachen. Gute Nacht." Und er ging wieder ins Bett und schlief ganz schnell ein.

Als er am Morgen aufwachte, war Tieger das Erste, was er sah, und Tieger saß vor dem Spiegel und betrachtete sich.
"Hallo!", sagte Pu.
"Hallo!", sagte Tieger. "Ich habe jemanden gefunden, der genauso ist wie ich. Ich dachte, ich wäre der Einzige."
Pu kam aus dem Bett und begann zu erklären, was ein Spiegel ist, aber als er gerade an die interessante Stelle kam, sagte Tieger:
"Entschuldige mich einen Augenblick, aber da klettert etwas auf deinen Tisch", und mit einem lauten Worraworraworraworraworra sprang er das Tischtuch an, zerrte es zu Boden, wickelte sich dreimal darin ein, wälzte sich quer durchs Zimmer und steckte, nach einem schrecklichen Kampf, den Kopf wieder ans Tageslicht und sagte wohlgemut: "Habe ich gesiegt?"
"Das ist mein Tischtuch", sagte Pu, als er sich daranmacht, Tieger wieder auszuwickeln.
"Ich habe mich schon gefragt, was es war", sagte Tieger.
"Es gehört auf den Tisch und man stellt Sachen drauf."
"Warum hat es dann versucht mich zu beißen, als ich nicht hingekuckt habe?"
"Ich glaube nicht, dass es das getan hat", sagte Pu.
"Jedenfalls versucht", sagte Tieger, "aber ich war ihm zu schnell."

Pu legte das Tuch wieder auf den Tisch, und auf das Tuch stellte er einen großen Honigtopf, und sie setzten sich hin um zu frühstücken. Und sobald sie saßen, nahm Tieger einen großen Mundvoll Honig... Und er legte den Kopf schief und sah mit einem Auge zur Zimmerdecke herauf und machte forschende Geräusche mit der Zunge und dann nachdenkliche Geräusche und dann Was-haben-wir-denn-hier-Geräusche... Und dann sagte er mit sehr entschiedener Stimme:
"Tieger mögen keinen Honig."
"Ach!", sagte Pu und versuchte es so klingen zu lassen, als bedauere er dies zutiefst. "Ich dachte, sie mögen alles."
"Alles außer Honig", sagte Tieger.

Darüber war Pu ganz froh und er sagte, sobald er mit seinem eigenen Frühstück fertig sei, würde er Tieger mit zu Ferkel nehmen, und Tieger könne dort ein paar von Ferkels Heicheln versuchen.
"Ich danke dir, Pu", sagte Tieger, "denn Heicheln mögen Tieger am liebsten."

Nach dem Frühstück gingen sie also Ferkel besuchen und auf dem Weg dorthin erklärte Pu, dass Ferkel ein sehr kleines Tier sei, das etwas gegen Ungestüm habe, und er bat Tieger nicht gleich ungestüm zu sein. Und Tieger, der sich hinter den Bäumen versteckt und auf Pus Schatten gestürzt hatte, wenn der Schatten gerade nicht hinkuckte, sagte, Tieger seien nur vor dem Frühstück ungestüm und würden, sobald sie ein paar Heicheln genossen hätten, leise und geziert. Und irgendwann klopften sie dann an Ferkels Haustür.

"Hallo, Pu", sagte Ferkel.
"Hallo Ferkel. Das ist Tieger."
"Ach, wirklich?", sagte Ferkel und stahl sich auf die andere Seite des Tisches. "Ich dachte, Tieger wären kleiner."
"Sie mögen Heicheln", sagte Pu, "und das ist auch der Grund unseres Besuchs, denn der arme Tieger hat noch nicht gefrühstückt."

Ferkel schob Tieger den Teller mit den Heicheln hin und sagte: "Greif zu", und dann rückte es ganz nah an Pu heran und fühlte sich schon viel tapferer und sagte: "Du bist also Tieger? So, so!" mit einer richtig unbekümmerten Stimme. Aber Tieger sagte gar nichts, weil sein Mund voller Heicheln war...
Nachdem er lange und laut gemampft hatte, sagte er:
"Ie-er ö-e ei-e Ei-hen."
Und als Pu und Ferkel "Was?" sagten, sagte er: "Schuwigum" und ging kurz nach draußen.
Als er zurückkam sagte er mit fester Stimme:
"Tieger mögen keine Heicheln."
"Aber du hast gesagt, sie mögen alles außer Honig", sagte Pu.
"Alles außer Honig und Heicheln", erklärte Tieger.
Als er dies hörte, sagte Pu: "Ah, verstehe!", und Ferkel, das ganz froh darüber war, dass Tieger keine Heicheln mögen, sagte: "Und wie ist es mit Disteln?"
"Disteln", sagte Tieger, "mögen Tieger am liebsten."

(...)


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