
An jenem sonnigen Nachmittag, als wir, Kinder der Intelligentia Motiharis, Cricket spielten, wurde vor unseren Augen ein Lehrer just verprügelt. Es geschah im Nu. Eines der spielenden Kinder kannte den Nachbaronkel. Der schrie mutig laut, zum Glück machten sich die Prügelnden davon, die Hilfe kam,... die Verletzungen waren nicht lebensgefährlich.
Dass die Schüler Lehrer prügelten, kam in unserer Gegend nicht selten
vor, insbesondere während der Prüfungen. Ja, die Prüfungszeiten
waren die gefährlichste Saison. Die Prüfungszentren wurden von den
Polizisten und Sicherheitskräften umlagert, damit das Abschreiben und die
Hilfe von zahlreichen draußen stehenden Verwandten im Maße blieben.
" Weg von dieser korrupten Gegend! Raus aus dem rückständigem
Bihar!..." lautete das Motto von uns, von den einigen motivierten ehrgeizigen
Schülern. "Nach Neu-Delhi! Nach anderen Orten, wo die Bildung besser
und freier war.
Schon in der 8. Klasse hatte ich das große Privileg, Mitglied im einzigen und luxuriösen Schützenverein der Gegend, Motihari Rifles Club, zu werden. Natürlich, Dank meinem Vater, einem angesehenen Hochschullehrer. Die Sportart gefiel mir wegen der hohen geistigen Konzentration. Hinzu kam: Es stellte sich schon in den ersten Tagen heraus, dass der Junge ein begnadeter Schütze war. In der 9. Schulklasse stellte ich den Junior-Rekord in der Bezirksliga auf. Und in dem darauffolgenden Jahr holte ich auf der Landesebene Goldmedaille im KK-Gewehr. Die Waffen, Pistolen und Gewehre waren der Besitz des Rifles-Clubs. Wir, die Jungs und Mädels, durften sie unter strenger Aufsicht benutzen. Die Munitionen und ihre Hüllen wurden genau nachgezählt. Gut so! Natürlich werden die Leistungssportler und Profis der fortgeschrittenen Demokratien meinem Standpunkt widersprechen.
Die progressiven Schüler der Bourgeoise waren sich einig, dass es in unserer rückständigen Stadt sehr wenige Möglichkeiten für die Jugend gab: Keine Infrastruktur für Sport und für andere Freizeitaktivitäten, keine Jugendzentren,... Das politische System war demokratisch und zugleicht korrupt. Die Gründe waren viele und sehr verworren. Somit konnte die Gewalt bei uns, das heißt da unten, besser gedeihen.
Nach der zehnten Klasse verließ ich meine Heimat, und ich besuchte die nächsten Schuljahre im Nachbarbundesland. Die Unterschiede waren deutlich: Bessere Bildung, gute funktionierende Bibliothek, zahlreiche Sportarten, Studenten- und Schülerclubs. Das Phänomen, dass ein Lehrer beleidigt oder verprügelt wurde, kam in jenem Ort auch da unten sehr selten vor.
Neu-Delhi ist das Mekka der indischen Bildungshungrigen. Todglücklich wurde ich, als ich meine Abiturzulassung in der fremdsprachlichen Abteilung der Jawaharlal Nehru Universität erhielt. Das weltoffene europäisch angehauchte Centre of German Studies entsprach vollkommen meinem damaligen Bildungsideal: Die kompetenten Lehrer bereiteten sich auf den Unterricht gut vor, sie waren pünktlich, sie gaben uns Denkanstöße,... Eifrig voller Freude lernte ich in jenen Jahren und erzielte immer wieder die besten Noten. Jeder Klausurtag war eine Zeremonie.
Dass es im Centre eine Machthierarchie gab, wurde mir nach und nach in späten Jahren bewusst. Die Macht wurde von den Institutstitanen, den Wissenskanonen, ausgeübt. Jene Professoren waren damals (Ende Achtziger/ Anfang Neunziger) noch marxistische Theoretiker, und heute sind sie liberale postkoloniale und moderne Denker. Also, die richtigen Mitläufer. Es gab Gruppierungen, geheime Verschwörungen und FavouritInnen. Kurz gefasst: Nach einem gewissen Grad waren die Dialoge in der immer wachsenden Konkurrenz unter den gut ausgebildeten Akademikern begrenzt. Statt dessen übernahm die Macht die Regie.
Ich folgte meinen Bildungsweg linear, und indisch-europäisch aufgewachsen,
kam ich nach Deutschland, um Philologie zu studieren. Das Schicksal verschlug
mich in die Stadt der Lokomotive, wo ich jahrelang mit Genuss Texte lesen
und Texte verstehen praktizierte. Und gleichfalls in dieser Stadt
übte ich die ersten Lektionen des minutiösen Beobachtens und gründlichen
Grübelns.
Allerdings hege ich zu dem Fachbereich ein gespaltenes Verhältnis. Manche
Professoren bereiteten sich auf ihre Vorlesungen und Seminare schlecht oder
gar nicht vor. Nicht selten ließen sie eine Sitzung ausfallen. Aber das
war uns, Studenten der lokomotiven Stadt, recht. Wir gingen in die Cafeterias
und unterhielten uns über die Beziehungskrisen oder über die Partys.
Es gab einen Professor X, der seine durch die früheren Bildungsanstrengungen erlangte Macht immer mehr ausüben wollten. Wenig Forschung und noch weniger Lehre. Statt dessen Beziehung im Nordhessen, im Inland und im Ausland. Der intelligente Mann lobte meinen Eifer und meine Arbeiten übertrieben öffentlich und privat bis zu meinem ersten gesellschaftskritischen Lyrikband Fremde Frau Fremder Mann. Er fand im Buch beleidigende Stellen. Na ja, das kam erst später. Vorher wurde ich zu seinem Literaturkolloquium eingeladen und im Verein der Forscher eingeweiht. Als werdenden Germanisten taten mir seine schleimende Worte sehr gut.
Mit der Erwartung auf die beste Note entschied ich, meine Magisterarbeit bei meinem Papst zu schreiben. Ich wollte sicher gehen.
Der Koloss konnte uns in unserem Literaturverein seine Macht uneingeschränkt enthüllen. Er hatte verwirrte Pläne und Ideen, die sich kaum realisieren ließen wenn, dann zu einem Bruchteil. Es wurden Projekte vorgeschlagen, und wir durften ein wenig unseren Senf dazu geben. Redete einer oder anderer souveräner mal in seiner Naivität oder mal in der Ungewissheit, stoppte ihn der Titan abrupt: Gut, das reicht. Wir brauchen darüber nicht mehr zu diskutieren! Der Gemeinte, ein Doktorand oder ein nicht fest angestellter Uni-Dozent, hörte sofort auf, und er lachte rot mit den andren Schülern: Häh! Häh! Häh! Der Papst schmunzelte.
Die ersten Seiten meiner Magisterarbeit lagen wochenlang in der Schublade des Professor X unberührt oder flüchtig überflogen. Er wiederholte sich und redete wirr in seinen Sprechstunden, in denen die Grazien bevorzugt vorgelassen wurden. Nach einigen Malen wollte ich, in die Nervosität geraten, seine Kommentare begründet haben. Mein Ton verunsicherte ihn ein wenig, und aus seinem Munde kam: Herr Kumar, Sie haben als Ausländer eine sehr gute Arbeit geschrieben. Wir wollen das nur... Ich ließ ihn nicht weiter ausreden und schrie ihn bellend an: Herr Professor, was soll die ganze Scheiße. Meine Arbeit ist ein Ergebnis der deutschen Universität. Sie soll gleichberichtigt gelesen und gerecht benotet werden...
Danach war die Freundschaft zwischen dem Schmeichelnden und dem Geschmeichelten vorbei. Mit einem komischen Gefühl habe ich meine Arbeit bis zum Ende verfasst. In jener Phase gingen manche extremen Gedanken durch den Kopf des angehenden Germanisten: Vielleicht werde ich diesen Tyrann doch erschießen! Und dann?... Dann habe ich weiter verloren... Für mich und für die anderen Ausländer der multikulturellen BRD!...
Die Arbeit wurde abgegeben, und sie wurde benotet. "Nach unserem Krieg haben Sie eine 2 erhalten!" teilte mir der Professor distanziert mit. Ich war froh und traurig zugleich.
Pothi Padh Padh Kar Jag Mua, Pandit Bhaya Na Koye
Dhai Aakhar Prem ke, Jo Padhe so Pandit Hoye
(Kabir, Mystischer indischer Philosoph, 1398-1518)
Freie sinngemäße kontextuale Übersetzung:
Durch Bücherbände wird einer
nicht weise, sondern eher todmüde
Nur der Jenige, der das Wesen der Liebe begriffen hat, gelangt zur
Weisheit
(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)