Andrea Kalmer:
Kein Nutzen für die Gesellschaft

Sie schaffte es gerade noch ins nächste Cafe und ließ sich auf einen freien Platz fallen, den Brief noch in der Hand. Sie war wie betäubt durch die Straßen gelaufen, nichts wahrnehmend, einfach gelaufen, bis die Knie nachgaben und sich der Schock durchsetzte. Das Cafe war teuer. Eigentlich war es viel zu teuer, aber sie hätte keinen Schritt mehr weiter laufen können.

Über ihr ein Räuspern. Erschreckt sah sie auf - der Kellner schaute auf sie herab. "Was darf ich Ihnen bringen?" Hastig bestellte sie einen Milchkaffee und überlegte, ob man es ihr schon ansehen konnte. Der Kellner war so arrogant. Nervös legte sie den Briefbogen auf den Tisch, dann kramte sie in ihrer Zigarettenschachtel bis sie eine Zigarette greifen konnte. Beim Anzünden sah sie, wie sehr ihre Hände zitterten. Dann sah sie wieder auf den Tisch. Der Brief lag mit der Schrift nach oben und immer wieder las sie den einen Satz der darauf stand. Der Kellner näherte sich und sie drehte den Bogen schnell um, damit er diesen Satz nicht lesen konnte. Dieser eine Satz verschwamm ihr vor den Augen und hastig wischte sie unter die Brille, damit es niemand bemerkte.

Mit diesem einen Satz hatten sie ihr die Existenz genommen, die Zukunft geraubt. Zum nächsten Quartal. Und sie hatten sie sofort nach Hause geschickt. Es gäbe sowieso keine Arbeit mehr für sie. "Freigestellt" nannten sie es. "Rausgeschmissen, heißt das!" dachte sie. Man braucht sie so wenig, dass man noch einige Wochen Gehalt für ihr Nichtstun zahlte. Sie sollte die Zeit nutzen, eine neue Stelle zu finden. In ihrem Alter nicht so einfach. Ab jetzt würde nichts mehr einfach sein.

Dabei hatte sie sich doch Veränderung gewünscht. Etwas Neues anfangen, wieder etwas lernen, der Eintönigkeit entkommen. Schon seit einiger Zeit hatte sie mit dem Gedanken gespielt, aus der Sicherheit heraus eine neue Stelle zu suchen. Doch dass sie so plötzlich in diese Situation gestoßen wurde - damit hatte sie nicht gerechnet. Sie arbeitete bereits seit über zwanzig Jahren, niemals hatte ein Arbeitgeber ihr gesagt, er wolle sie nicht mehr sehen. Ihre wenigen Stellenwechsel in der Zeit hatten sich immer als Sprungbrett für eine höhere Stufe erwiesen und somit war ihr auch immer das Verständnis des ehemaligen Arbeitgebers sicher. Oft wurde ihr gesagt, dass ein Weg zurück möglich wäre. Und nun das.

Mit jedem Schluck Kaffee beruhigte sie sich ein wenig. Was war jetzt zu tun? Sie sah sich in dem Lokal um, sah das schöne Ambiente, ein Schicki-Cafe. Sie hatte hier gar nichts verloren, jetzt gehörte sie nicht mehr dazu. Und der Kellner, der sie bediente, verdiente sicher mehr Geld als sie demnächst vom Arbeitsamt bekommen würde. Und sie würde ihm dennoch ein Trinkgeld hinlegen. Der Gedanke belustigte sie ein wenig. Das Leben ist so ironisch.

Sie zahlte den Kaffee und ein großzügiges Trinkgeld um das Gefühl zu haben, dass sie noch etwas wert sei. Der Schock ließ jetzt nach. Sie packte den grausamen Brief zusammen mit den Zigaretten in ihre Handtasche und wandte sich zur Tür. Dann fiel ihr Blick auf einen Mann, der zwei Tische weiter die Abendzeitung las.

Die große Überschrift sprang ihr ins Auge: "Kein Nutzen für die Gesellschaft".


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