Andrea Kalmer:
Obdachlose unerwünscht

Am 10. Dezember 2001, mitten in der schönsten Vorweihnachtszeit, erschien im Report Mainz der ARD ein Bericht über das zukünftige Vorgehen der Deutschen Bahn gegen Obdachlose.

Der erste Schritt dazu: Im Bahnhof Zoo in Berlin werden die Obdachlosen aus dem Bahnhofsgebäude "entfernt". Sicherheitskräfte mit roten Baretts sorgen dafür, dass nichts und niemand mehr das Auge des zahlenden Fahrgastes stört. Rauchen, Betteln und der Verkauf der Obdachlosenzeitungen auf dem Bahngelände werden verboten. Und dies alles gilt nicht nur für Berlin - die Verbote werden auf alle Bahnhöfe ausgeweitet und überall Schilder ausgehängt, auf denen steht, dass "Herumlungern" verboten sei.
Bahnchef Mehdorns zweiter Schritt soll die Schließung der Bahnhofsmissionen oder zumindest der Essensausgabe sein.

Die Bahnhofsmission, die von beiden Kirchen unterhalten wird, ist seit über 100 Jahren Anlaufstelle für Menschen in Not. Die Mitarbeiter sind fast alle ehrenamtlich tätig. Nicht nur Obdachlose, sondern auch Verirrte, Ausreißer und normale Bahnkunden, die den letzten Zug verpasst haben und nur noch wenig Geld im Portemonnaie haben, sind Kunden der Bahnhofsmission. Obdachlosen bietet die Mission oft die einzige Möglichkeit zu einem warmen Essen, einer Beratung oder ein paar freundlichen Worten. Laut einem Sprecher der Bahn lockt jedoch gerade die Essensausgabe der Bahnhofsmission "Obdachlose, Drogenabhängige und Alkoholiker" an. Und deshalb will man die Missionen von ihrem angestammten Platz vertreiben - am besten weit außerhalb und ihre Kundschaft soll auch mit. Denn was man nicht sieht, existiert bekanntermaßen nicht.

So einfach ist das.

So einfach ist das aber gar nicht. Soziale Probleme können sicher nicht in den Bahnhöfen gelöst werden, das ist eindeutig eine gesellschaftliche Aufgabe. Dennoch sind die Bahnhöfe oft die einzigen Plätze, die bei Kälte und Regen einen Schutz bieten. Wo die Passanten auch mal eine Mark übrig haben, die man direkt im Warmen in ein Bier oder eine Bratwurst umsetzen kann. Damit sind übrigens auch die Obdachlosen "Kunden" der Bahn.

Die meisten Leute haben keine Probleme mit den Obdachlosen. Auch auf Befragungen des Reporterteams reagierten die meisten Bahnkunden liberal. Ich persönlich habe auch eher etwas gegen Taschendiebe, und seien sie noch so ordentlich angezogen, als gegen einen Obdachlosen, der mich um eine Mark bittet.

Die Bahn jedoch besteht auf ihren Besitzrechten an den Bahnhöfen und sieht so eine Handhabe, unliebsame Gäste vom Gelände zu entfernen, um hier Platz für hübsche und überteuerte Geschäfte zu machen. Andererseits gehört die Bahn AG immer noch dem Bund, wird von Steuergeldern subventioniert und somit hat auch der Bürger einen - indirekten - Anteil an der Bahn AG. Somit hat die Bahn juristisch nicht unbedingt die Möglichkeit, gegen Bürger "Hausrecht" auszuüben. Und auch Bürger ohne Wohnsitz sind immer noch Bürger. Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit können jeden treffen, insbesondere bei der sich ständig verschlechternden Wirtschaftslage.

Was kann man gegen diese Ungerechtigkeit der Bahn tun? Würde ein Boykott Sinn machen? Im Grunde würde es sicher Sinn machen - aber man hat oft einfach keine Wahl, weil viele Leute die Bahn beruflich nutzen. Man kann natürlich Protest einlegen. Die Bahn mit Briefen und Mails überschütten. Eine interessante Maßnahme.

Und man kann auch - sofern man privat unterwegs ist - mal ziemlich abgerissen aussehen und sich von den Rotkappen (dem Sicherheitsdienst der Bahn) gewaltsam entfernen lassen - und sich dann mit dem gültigen Ticket als Kunde outen. Denn eine Kleiderordnung lassen wir uns nun wirklich nicht aufzwingen.

Was wichtig ist: man kann die Bahnhofsmissionen unterstützen. Mit Arbeitskraft, Sach- und Geldspenden.

Aber jeder muss für sich selbst seine Konsequenzen ziehen.

Den Bericht erschien am 10. Dezember 2001 bei Report Mainz in der ARD: "Bahnhofsmissionen - der Streit zwischen Bahn und Kirchen", nicht mehr im Archiv verfügbar.

Die Website der Bahnhofsmission befindet sich hier: www.bahnhofsmission.de, weitere Informationen über die Bahnhofsmission erhält man unter: bundesverband@bahnhofsmission.de

Obdachlos

Es ist kalt unter der Brücke,
der Wind wird langsam zum Orkan
zerreisst die Decke fast in Stücke,
zu Hause haben wir es warm.

Es ist kalt auch auf der Strasse,
der letzte Tee erwärmt den Darm,
dann senkt er traurig seine Tasse,
zu Hause haben wir es warm.

Lasst uns die Wärme die wir haben,
doch teilen, wie es immer Brauch,
und das nicht nur zu Weihnachtstagen,
nein, denn im Alltag hilft es auch.

Denn all die Wärme die wir geben,
erhalten wir doch voll zurück,
auch diese Menschen wollen leben,
und wünschen sich ein wenig Glück.

(Heinz Bornemann)


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