Andrea Kalmer:
Die heile Welt der Hera Lind

Die beliebteste Fantasy-Literatur für Erwachsene handelt derzeit nicht von Elfen und Fabelwesen. Sie handelt von jungen alleinerziehenden Müttern, die sich mitsamt ihrer vaterlosen Nachkommenschaft erfolgreich durchs Leben schlagen. Natürlich keine Hausmütterchen und schon gar keine gestressten ledigen Mütter, die von der Sozialhilfe leben und die Ämter um eine Beigabe für die längst fälligen Wintermäntel der Kinder anbetteln müssen. Die sich zwischen Haushalt, Kind und unterbezahlten Halbtagsstellen zerreißen und die Abende vor dem Fernseher verbringen, weil sie keinen Babysitter finden oder ihn nicht bezahlen können.

Nein, diese Mütter bekommen ihr Leben besser in den Griff. Sie erhalten ordnungsgemäß Unterhalt von dem reaktionären Mistkerl, der die Kinder zwar gezeugt, dann aber der Vaterschaft entflohen ist (vorzugsweise mit einer jungen hübschen Schauspielerin ohne Kinder als Fluchthilfe). Die schmählich verlassenen Mütter finden jedoch auf wundersame Weise alleinstehende und gelangweilte Nachbarinnen, alleinstehende und gelangweilte Gesellschafterinnen kürzlich verstorbener Nachbarinnen, alleinstehende und gelangweilte Mütter des Scheidungsanwalts oder erziehungs- und haushaltsbegeisterte Studenten, deren höchstes Wohl es ist, auf die minderjährige Nachkommenschaft der Heldin aufzupassen.

Diese nutzt die gewonnene Freizeit um mal eben einen Erfolgsroman zu schreiben oder eine Talkshow zu moderieren oder beides gleichzeitig zu erledigen. Ferner begegnet sie dem absoluten Lover, der gut im Bett ist, aber keine Kinder mag. Dazu findet sie den Lebensabschnittsgefährten, der auch Kinder mag und den Liebhaber toleriert und muss sich höchstens seiner altmodischen kontra-feministischen Haltung zur Heirat erwehren.

Die echten Fantasy-Heldinnen der Hera Lind schaffen das alles. Sie sind Superweiber und Zauberfrauen und ihnen begegnen Männer in jeder Tonart. Überhaupt ist es ganz eindeutig: die echten Heldinnen finden immer so viele Anbeter, Verehrer, Kinderzeuger und potent(iell)e Bett- bzw. Lebensabschnittsgefährten, dass ihr Leben ausgefüllt ist und sie sich nicht allein fühlen, wenn ihre Kinder schlafen. Und die bezaubernden Knirpse erst! Sie machen schon so manchen Streich und Wirbel, aber danach sind sie immer soooo süß, dass Mami niemals wirklich böse ist. Und Mami ist auch nie wirklich genervt und fertig, und wenn doch mal, steht der wundersame Babysitter (siehe oben) schon parat, der Champagner im Kühlschrank und ein wundervoller Mann vor der Tür und der einzige wirkliche Stress ist, eine passende Blumenvase zu finden.
Man muss sich des Genres - nämlich Fantasy - sehr bewusst sein, wenn man diese Bücher nicht mit einem leisen Gefühl des eigenen Versagens beenden will.

Die Autorin dieser Bücher ist Hera Lind, erfolgreiche Autorin und Talkshowmoderatorin und schreibt so mitten aus dem Leben. Aus ihrem eigenen, versteht sich - nicht aus dem der "normalen" alleinstehenden Mütter. Recht humorvoll und mit der nötigen Distanz einer finanziell Unabhängigen. Und so wird sie in den Frauenzeitschriften entsprechend gewürdigt, die Bücher werden empfohlen und als Hoffnungsträger auf den Markt geworfen.

In günstiger Taschenbuchausgabe, denn so heil ist die Welt nun doch nicht, dass sich die Zielgruppe eine gebundene Ausgabe leisten kann. Feministisch korrekt.


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