Andrea Kalmer
Vom Cabaret zum Kabarett

Das Kabarett ist in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Oftmals harte Jahre für so eine junge Kunstform. Kabarett war in manchen Zeiten die einzige Möglichkeit der Kritik, die man gegen den Staat verwenden durfte - und an der Freiheit des Kabaretts kann man die Freiheit des Staates messen.

Entstanden war diese literarische Subkultur ca. 1880 in Paris, wo es als Modeerscheinung unter den Bohemiens rasch sehr beliebt wurde. In Deutschland wurde die Idee von Dadaisten und Expressionisten aufgegriffen und fand auch hier schnell Anhänger. Das erste bekannte deutsche "Bunte Theater" hatte seine Premiere am 18. Januar 1901 in Berlin, nur wenige Tage später folgte die erste Aufführung von Max Reinhard und im April startete Frank Wedekind im Münchener "Simpl". Dort trat u.a. auch Joachim Ringelnatz auf.

Satire und Komik waren die Waffen der Kabarettisten. So konnte man in den 20er Jahren sehr bekannte Namen unter den Kabarettautoren finden: Tucholsky, Mehring, Kästner und Brecht machten das Kabarett unsterblich. Das Kabarett ließ jede Art von persönlicher, politischer, gesellschaftlicher oder sozialer Kritik zu, sofern sie humorvoll verpackt war. Auch der volkstümliche Karl Valentin galt als Vertreter der Sparte
Doch politisches Kabarett wurde in den 30ern zum Überlebensrisiko. Die Gruppe um Werner Finck galt als besonders gefährdet: ihre Werke wurden verbrannt, viele der Kabarettisten überlebten knapp im KZ oder im Exil, einige andere bezahlten die literarische Freiheit mit ihrem Leben, wie z.B. Karl von Ossietzky.

Nach dem Krieg fanden sich die Satiriker schnell wieder zusammen und spotten nun mit Galgenhumor über "Trizonesien" (3-Zonen-Land), Aufräumarbeiten, Leben unter der Besatzung und über die jüngste Vergangenheit.

Es gab - und gibt - immer genug Stoff für politische Satire. Der Kalte Krieg, die APO-Zeit, die Radikalen der 70er, die Kohl-Ära und die Desorientiertheit der heutigen Zeit boten und bieten noch genug Stoff für böse Worte mit Witz. Die "Veteranen der Neuzeit", wie die Stachelschweine, die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, das Kom(m)ödchen, die Leipziger Pfeffermühle, Dieter Hildebrandt und Bruno Jonas - um nur einige namentlich zu nennen - schärfen noch täglich ihre Zunge für alltägliche Spitzfindigkeiten.

Auch im TV gilt Dieter Hildebrandt mit seinem "Scheibenwischer" schon seit vielen Jahren als Dinosaurier des politischen Kabaretts. Doch selbst er hat Schwierigkeiten, zynischer als die Realität zu sein.

Gerade durch die Verbreitung durch das TV hat das politische Kabarett weitgehend verloren. Es wurde sehr stark kommerzialisiert, nicht zuletzt durch die Privatsender, und dieser Überfluss in Kombination mit der heutigen Politikverdrossenheit führt zu einer breitbandigen Ignoranz. So bewegte sich das Kabarett weg von der Politik und hin zum Klamauk, auf gut-denglisch: "Comedy". Die Gags müssen höher, schneller, weiter kommen und vor allem: weiter unter die Gürtellinie. Die Comedians schreiben ihre Texte kaum noch selbst - sie beschäftigen einen großen Stab von "Gagschreibern". Und da diese Kabarettisten nicht mehr selbst denken - wie könnten sie es von ihrem Publikum verlangen?

Der Unterhaltungswert steigt mit sinkendem Niveau. Harald Schmidt und Stefan Raab haben als Quotenbringer und Breitbandunterhalter sicherlich ihre Daseinsberechtigung und sind allemal amüsant. Doch sind sie noch Kabarettisten? Raab steht für "reine Unterhaltung" (und er steht auch dazu), während Schmidt seine Anzüglichkeiten auf persönlicher Ebene immer noch mit dem Label "Kabarett" versehen möchte. Auch Ingo Appelt möchte ich hier einreihen. Vor einigen Jahren galt er noch als bissiger Beobachter mit seinen Darlegungen menschlicher Schwächen (genial sein kinder- und elternfeindlicher Beitrag: "Spuck mal auf das Taschentuch") - heute tendiert er zu bösartigen Chauvinismen in Fäkalsprache. Die Quote bestimmt das Level?
Hier gilt die Devise: Der Star macht die Show - nicht der Inhalt.

Echte Highlights findet man noch im "Quatsch Comedy Club", der in einer Verquickung zwischen Kabarett und Comedy auch hin und wieder weniger bekannten Talenten ein Forum bietet und deren Bekanntheitsgrad erheblich steigert. Dieter Nuhr, Michael Mittermeier, Martin Schneider und der Österreicher Josef Hader sind oft gesehene Gäste. Sie sind Vertreter des "Alltagskabaretts" - satirische Reflektionen kleiner Alltagssituationen, Automatismen, Trends und Verhaltensweisen. Sie sind noch nicht so sehr vom TV korrumpiert und bieten noch sehr gute Bühnenprogramme. Ein bis zwei Stunden live sind sie ein Genuss.

Denn das Kabarett als solches ist nicht tot. Die Tendenz zu anspruchsvoller Unterhaltung ist noch immer da, mittlerweile wieder "in" und in der Schicht der jungen Großverdiener sehr beliebt. Es macht sich einfach gut, beiläufig in einem Gespräch zu erwähnen, man sei letzte Woche in "Otis Schlachthof" gewesen. Otmar Fischers satirische Diskussionsrunde im Münchner Lokal "Schlachthof" ist regelmäßig ausverkauft. Doch welche Motive auch immer diese Veranstaltungen und Kleinkunstzuschauerräume füllen - sie erhalten und bewahren die noch junge Tradition des Kabaretts. Und das ist gut so.

(Eine kleine Linksammlung findet ihr in meiner Linkliste. Viel Vergnügen!)


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