Andrea Kalmer
Reformgedanken oder: falsches Deutsch bei Thomas Mann?

Ich war ein strikter Gegner der Rechtschreibreform - wie man ja auch unschwer an meiner Seite erkennen kann. Dies war nicht die Konsequenz aus Inflexibilität und Konservatismus, sondern eine ganz persönliche Einstellung.

Die, ach so neue, Rechtschreibreform ist nicht mehr zeitgemäß. Oh - ich kann mir vorstellen, daß es eine erfrischende Idee war - vor vielen Jahren. Ich stelle mir vor: Da haben sich (damals noch junge) schlaue Köpfe der Germanistik zusammengetan und sich neue Schreibweisen überlegt. Ganz einig waren sie sich ja wohl nicht, denn die Reform ist nicht durchgängig. Aber die Sache dauerte, die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, auch wenn sie ohne "h" geschrieben werden. Werden sie?

Doch inzwischen hat sich die Zeit geändert und mit ihr die Medien. Eine aktuelle Reform sollte im Zeitalter des Unix möglichst computergerecht sein. Man hätte auf das störende "ß" ganz und gar verzichten können und die Freiheit gewähren, Umlaute frei nach Wahl "ö" oder "oe" zu setzen. Ein besonders eifriger Reformist hätte vielleicht die Großschreibung eliminiert. Das wäre eine echte Reform gewesen, wie alle Computerabhängigen sicher bestätigen können.

Und jetzt schreiben wir "Mühle" ohne "h"... (oder auch nicht!) Wundervoll, diese Kreativität, dieser Esprit, diese intellektuelle Revolution - das stellt sogar einen Brecht in den Schatten! Und gar diese neue Inspiration, englische und französische Worte in deutsche umzuwandeln - einfach genial. Wir deutschen ein. Die neue Sprachmarmelade schenkt uns Worte, wie "Ketschup"," Schikoree" und Majonäse.

Ist das wirklich der richtige Weg? Man bedenke: diese Worte kommen aus einer anderen Sprache. Wir brechen sozusagen das Copyright (heißt das jetzt auch Koppireit?) unserer Nachbarn und verändern unerlaubt deren Texte... Aber im Ernst: in einer Zeit, in der fast jeder Englisch spricht und jeder zweite Französisch - ist die Eindeutschung sinnvoll? Ich weiß nicht, wie der Europarat über solche Flops denken wird - einiges Europa mit einheitlicher Währung aber sich immer mehr entfremdenden Sprachen.

Doch unabhängig, wie eine "richtige" Reform aussehen mag - die für mich wichtigste Frage ist:
Wie wird das bei Neuauflagen alter Werke gehandhabt? Bei Bert Brecht, Thomas Mann, Erich Fried und allen anderen Meistern der deutschen Sprache? Müssen wir unseren Kindern nun erzählen, daß diese Schriftsteller doch völlig veraltet waren und werden wir so mit Hilfe der Rechtschreibung der Gegenwart den literarischen Kopf abschlagen? Oder werden in den nächsten Jahren mit schwindender Ehrfurcht und wachsender Skrupellosigkeit die großen Werke in neuer Rechtschreibung aufgelegt? Ich weiß nicht, was ich wünschenswerter finde. Denn irgendwann wird es eine Generation von Lesern geben, die keine alte Rechtschreibung mehr kennt und dann vielleicht jeden Bezug zu den Literaten verliert. Der Gedanke ist wahrhaft beängstigend.

Hingebungsvoll blättere ich in meinem neuen Duden. Was mich einigermaßen beruhigt: Philosophie wird glücklicherweise nicht "Filosofie" geschrieben!


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