Andrea Kalmer
Blauer Dunst

Verzeihen Sie bitte, ich bin ein Opfer der amerikanischen Propaganda und eine Ausgestoßene der Gesellschaft. Ich gehe mit eingezogenem Kopf und gesenkten Augen durch die Welt und schäme mich. Ich bin nämlich Raucher.

Raucher gefährden ihre eigene Gesundheit und die der anderen, Raucher ruinieren das Gesundheitssystem, verpesten die Umwelt und verursachen Herz- und Lungenkrankheiten bei Nichtrauchern.

Ich arbeite in einem US-basierten Unternehmen, also darf im Büro nicht geraucht werden, egal wie stressig es ist. Lediglich die Kaffeeküchen sind als Raucherzone deklariert - was aber unweigerlich den Protest aller Nichtraucher nach sich zieht. Wenn ein Nichtraucher unbedingt in der Kaffeeküche ein Brot essen möchte, muß der Raucher weichen. Der Nichtraucher ist immer im Recht. Weil er halt nicht raucht und somit ein wertvolles und gesundheitsbewußtes Mitglied der Gesellschaft ist. Auch, wenn er Diesel fährt, mit Kohle heizt und seinen Müll nicht trennt.

Aus lauter Not rauche ich also immer dann und dort eine Zigarette, wo es erlaubt ist. Zum Beispiel auf dem Weg von der U-Bahn bis zur Firma. Sie meinen, das ist in Ordnung? Oh nein, auch auf dieser kurzen Strecke (genau eine Zigarettenlänge) ist man der Willkür der Nichtraucher ausgesetzt. Es mag in der Unterführung ruhig nach Bier oder Schlimmerem stinken - der Zigarettenrauch stört am meisten. Heute morgen pöbelte mich eine junge Frau an: "MUSS das sein, daß Sie hier auf der Rolltreppe rauchen? Können Sie nicht warten, bis Sie draußen sind?". Ja, es muß sein. Nein, ich kann nicht warten. Habt Mitleid!

Überhaupt - die öffentlichen Verkehrsmittel.... Bei U-Bahn und Bus sehe ich es ja ein, kein Problem auf so kurzen Strecken Enthaltsamkeit zu üben. Aber daß die verdreckte S-Bahn keine Raucherwaggons hat, ist schon eine Gemeinheit. Von der Münchner Innenstadt zum Flughafen fährt man 40 Minuten, keine Zigarette, und wenn man im Flughafen ist, hat man die Hände voll Gepäck. Entweder auf den Koffer verzichten oder auf die Zigarette. Nach dem Einchecken kann man dann endlich wieder etwas gegen nervöse Flugangst tun - aber nur bis zum Aufruf. Ist eine Maschine erst einmal aufgerufen, muß man in dem Nichtraucherwartesaal Platz nehmen, bis man eingelassen wird. Auch wenn die Maschine zwei Stunden Verspätung hat. Beim Fliegen ist Rauchen natürlich auch verboten und idealerweise landet man dann genau an dem Flughafen, wo Rauchen absolut nirgendwo erlaubt ist. Wenn man sich dann in der Damentoilette einschließt, um wenigstens drei belebende Züge zu inhalieren, klopft unter Garantie eine schlaue Geschlechtsgenossin an die Tür, um einem mitzuteilen, daß hier rauchen verboten wäre. Als ob man das nicht wüßte...

Die deutsche Bahn ist dagegen noch relativ raucherfreundlich. Zwar hat sie die Zahl der Raucherwaggons gekürzt, aber immerhin akzeptiert sie Raucher als zahlende Kunden. Wir haben uns auch längst damit abgefunden, daß die Nichtraucher das Restaurantabteil haben und wir nur in das kleine Selbstbedienungsbistro dürfen. Wir verkraften allerdings nur schwer die Leute, die sich neben uns setzen und dann über den Rauch klagen. So geht es uns in allen Raucherabteilen aller Institutionen, ob Bahn, Restaurant, Kantine: es dürfen durchaus Nichtraucher auf Raucherplätze besetzen und nicht-rauchen. Umgekehrt gibt es erheblichen Ärger. Das ist unfair. Aber wir sind Diskriminierung gewohnt.

Auch auf dem privaten Sektor greift das Nicht-Rauchen immer mehr um sich. War es früher noch ganz normal, eine Party im dichten Nebel abzuhalten, kommen heute Sprüche wie: "der Rauch schadet dem Lachs" (dem geräucherten...) oder "die frittierten Auberginenscheibchen in Olivenöl und Balsamico könnten Geschmack annehmen", während besagte Auberginenscheiben den Geruchssinn mit Knoblauch verstopfen. Naja.

Unsere Freunde sind fast alle Nichtraucher. Vor allem diejenigen, die weiter weg wohnen und bei denen man über Nacht bleiben muß, wenn man sie besucht. Keine gute-Nacht-Zigarette und keine Zigarette zum Kaffee. Stattdessen: Rauchen auf dem Balkon, bei Minustemperaturen, frierend, zitternd und demütigst dankbar für die leere Konservendose als Aschenbecher. Und morgens, wenn man im Bademantel, dicken Schuhen und mit verschlafenem Gesicht auf dem Balkon herumfriert, finden es die Freunde besonders belustigend, einen auch noch zu fotografieren. Sie rücken übrigens weder die Fotos noch die Negative heraus - wir sparen jetzt schon, damit wir im Alter die Schweigegelder bezahlen können.

Verzeihen Sie bitte, ich bin Raucher. Ich bin ein Opfer der amerikanischen Propaganda und eine Ausgestoßene der Gesellschaft. Ich gehe mit eingezogenem Kopf und gesenkten Augen durch die Welt und schäme mich. Die Gesellschaft verlangt dies. Der Staat droht uns höhere Krankenkassenbeiträge an und bestraft uns mit Diskriminierung und hohen Steuern - sehr hohen Steuern.

Was wäre, wenn wir aufgäben? Wenn wirklich kein Mensch mehr rauchen würde? Haben Sie das mal überlegt?

Würden wir nicht mehr rauchen, wäre die Tabakindustrie am Ende und müßte -zigtausend Arbeitsplätze abbauen. Die Kioskverkäufer, die Zigarettenautomatenauffüller, die Zigarettenkippenaufsammler - alle würden arbeitslos. Die Ärzte hätten weniger Arbeit. Die Rentenkassen wären noch leerer, weil wir länger leben würden. Die Hersteller von Anti-Raucher-Pflastern, -bücher, Rauchverbotsschildern etc. - stellen Sie sich mal vor, wer oder was von dieser Industrie abhängig ist! Vielleicht sogar auch Sie! Und Sie profitieren auch von den Steuergeldern (12 Milliarden!), die wir Raucher zahlen. Wir tun mehr für Staat und Gesellschaft als irgendwer sonst. Wir sind wichtig!

Entschuldigen Sie, ich bin Raucher. Seien Sie mir dankbar!

© Andrea Kalmer 2003


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