Susanne Henke :
Dein Nächster Auftrag

“Kunde 210, bitte kommen Sie in Zimmer eins!”
Torben drehte den Zettel in seiner Hand. Nummer 215.Die Zeitung hatte er bis auf die allerletzte Mord- und Totschlagsmeldung durchgelesen. Kein Geräusch drang durch die Wände der Wartekabine. Zwei fensterlose Quadratmeter, ein kleiner Tisch, ein Plastikstuhl. Die Wände nackt bis auf ein großes Plakat der unendlichen Weite des Ozeans, aufgenommen vom Bug eines Schiffes: “Wir schaffen neue Horizonte”.
Die hatte er verdammt nötig. Vier Wochen konnte er noch bei Harald wohnen, aber dann?
“Sie müssen flexibel sein!”, hatte sein Arbeitsvermittler ihm gesagt und ihn als Bewerber Nummer 49 zum Kompostschaufeln auf den Friedhof geschickt.
“Zu schmächtig!”, meinte der Chefgärtner.
“Für Problemfälle haben wir noch eine ganz besondere Partneragentur,” frohlockte der Arbeitsvermittler. Vor einer Woche hatte Torben den ersten Termin bei “Dein Nächster Auftrag”. Eignungsuntersuchung nannten sie das systematische Abzapfen von Körperflüssigkeiten. Sogar Haarproben hatten sie genommen.
“Nummer 215 bitte in Zimmer drei!”
Torben faltete die Zeitung zusammen. Die Tür öffnete sich automatisch. Niemand begegnete ihm auf dem Gang. Das Quietschen seiner Sohlen schien ihm unnatürlich laut. Vor Zimmer drei forderte eine Computerstimme ihn auf: “Kunde 215, bitte identifizieren Sie sich per Daumenabdruck!” Gehorsam presste er seinen Daumen auf das Feld.
Zischend glitt die Tür zur Seite. Das schüttere Blondhaar leicht zerzaust, schaute Dr. Matthias Palmer ihn über den Rand seiner Brille an:
“Lästig, diese Sicherheitsmaßnahmen, aber wir wollen ja kein unnötiges Risiko eingehen!” Er nahm die Brille ab und wies auf den Besucherstuhl.
Torben begnügte sich mit der vordersten Kante, die Hände flach auf den Oberschenkeln.
“Ihre Testergebnisse sind ausgesprochen vielversprechend!”
Torben versuchte, die Hände ruhig zu halten, atmete tief aus.
“Ihren erneuten Antrag auf Existenzgründungszuschuss können wir leider nicht befürworten. Die Untersuchung hat ergeben, dass Sie das sogenannte Suchtgen in sich tragen. Da sind uns die Hände gebunden!”
In Torbens Ohren begann es zu rauschen. Palmer beugte sich quer über den Schreibtisch.
“Aber das ist kein Grund zu verzweifeln. Wie Sie sicherlich wissen, arbeiten wir eng mit allen Behörden zusammen.”
Torben brachte kaum ein Nicken zustande. Wie eine Feder sprang Palmer auf.
“Was würden Sie davon halten, für die nächsten, sagen wir zehn, fünfzehn Jahre, ausgesorgt zu haben?”
Das Rauschen in Torbens Ohren ging in einen Pfeifton über. Palmer wippte, die Hände in den Hosentaschen, auf den Hacken vor und zurück.
“Sie haben doch bestimmt von dem Mordfall Rick gehört?”
“Der Schlagerheini?”
“Eben dieser. Die Polizei hat bereits ein genaues Profil des Täters.”
Torben rief sich den Artikel ins Gedächtnis. Schlagerkönig Rick war in seiner Villa erstochen aufgefunden worden. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört.
Palmer stoppte sein Wippen, sein rechter Arm schoss mit ausgestrecktem Zeigefinger nach vorn..
“Das Profil passt hundertprozentig auf Sie!”
Der Pfeifton schwoll an. Er musste sich verhört haben.
“Der Leiter der Ermittlungen, kann es gar nicht erwarten, Sie kennen zu lernen!”
Palmer zog ein Dokument aus der Mappe.
“Sie müssen nur noch hier unterschreiben. Das Geständnis geht dann sofort an die zuständige Mordkommission. Zwei Beamte sind so freundlich und holen Sie direkt hier ab. Bis dahin haben wir noch genug Zeit, Sie zu briefen!”
Palmer drückte ihm einen Kugelschreiber in die Hand.
“Ich soll einen Mord gestehen?”
Palmer stellte sich hinter Torben, beugte sich tief zu ihm hinunter.
“Überführt sind Sie so oder so. Die DNA-Spuren sind eindeutig. Mit dem Geständnis bieten wir Ihnen die einmalige Gelegenheit auf Strafmilderung. Selbst wenn Sie die Höchststrafe von fünfzehn Jahren bekommen, sind Sie spätestens nach zehn Jahren wieder draußen.”.
Palmer flitzte wieder an seinen Platz.
“Als gemachter Mann! Sie bekommen die Exklusivrechte an Ihrer Geschichte. Sobald der Prozess beendet ist, dürfen Sie die Story an die Medien verkaufen. Sie können ein Buch schreiben. Sie können einen Film daraus machen. Und Sie dürfen zehn Prozent der Einnahmen behalten!”

Torben schmeckte den Schweiß auf seinen Lippen. Seine Hand zitterte, der Stift rutschte ihm aus der Hand. Palmer eilte mit einem Kleenextuch zu Hilfe, führte Torben die Hand bei der Unterschrift. Das Faxgerät brauchte nur Sekunden, um das zweiseitige Geständnis zu schlucken. Zwanzig Minuten später legten die Beamten der Mordkommission Torben die Handschellen an.

Copyright © 2005 Susanne Henke

Aus: Bissige Stories für boshafte Leser mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Vielen Dank Susanne!


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