Andrea Kalmer:
Das Märchen von der Feldmaus und der Stadtmaus

Es war einmal eine Feldmaus. Die lebte ganz brav in ihrer hübschen kleinen Erdhöhle mitten in einem Maisfeld. Es gefiel ihr sehr gut dort, aber es lebte weit und breit keine andere Maus (und schon gar kein Mäuserich). So fühlte sie sich ziemlich einsam und hatte dem entsprechend auch kein Liebesleben. Deshalb packte sie ihre Siebensachen und zog in die Stadt zu ihrer Cousine, der Stadtmaus.

Die Stadtmaus aber lebte in einem Internetcafé. Sie hatte eine hübsche Höhle mit eigenem Internetanschluss und einem kleinen, winzigkleinen Laptop, das bei der letzten CeBit irgendwie abhanden gekommen war. Stolz zeigte die Stadtmaus ihre Ausrüstung und erklärte jedes elektronische Zubehör. Die Feldmaus starrte begeistert auf ein Teil, das ihre Cousine "Computermouse" genannt hatte. Dieses Teil sah wirklich wie eine Maus mit einem sehr langen Schwanz aus. Versonnen strich sie über die glatte Oberfläche.

"Schau her, schau her!" unterbrach sie ihre Cousine und führte vor, wie sie im Internet chatten konnte. Die Feldmaus hatte so etwas noch nie gesehen und machte große Augen, als die Stadtmaus gekonnt und ein bisschen angeberisch über die Tasten huschte und ihr den Chat vorführte. Viele Namen waren zu finden, und alle schienen sich über den Bildschirm miteinander zu unterhalten. Es ging so schnell, dass die Feldmaus kaum mitlesen konnte.

"Findet man da auch andere Mäuse?" fragte die Feldmaus.
"Ja, sicherlich, schau doch mal... da ist Chatmaus, Mausnase, Mauscake, Lady Maus, Mausmaster und mausesis, alles Mäuse", antwortete die Stadtmaus.
Die kleine Feldmaus war begeistert und die Stadtmaus gab weiter an: "Heute abend treffe ich mich mit einem Chatmäuserich, wirst schon sehen, so bringt man sein Liebesleben in Schwung!"
"Kennst Du ihn denn so gut?" fragte die Feldmaus naiv.
"Ich kenne ihn durch den Chat. Oh, ich weiss ganz genau wie er aussieht, er hat sich so gut beschrieben. Und er ist Banker, sein Mauseloch ist direkt neben dem Banktresor. Und seine Barthaare sind die längsten in der ganzen Stadt". Die Stadtmaus kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und war längst verliebt in den unbekannten Mäuserich.

Die Feldmaus war sehr beeindruckt und half der Stadtmaus, sich ausgehfein zu machen für ihr erstes Blind-Mausdate, sie begleitete ihre Cousine noch bis vor die Tür und saß dann allein in dem Stadtmauseloch. "Vielleicht", dachte sie, "vielleicht sollte ich das auch mal versuchen. Wenn ich so viel Glück habe wie meine Cousine, bin ich wenigstens nicht mehr allein." Und sie tippte ganz vorsichtig auf den Tasten herum, aber sie wusste ja nicht, wie der Computer funktioniert. Schließlich betrachtete sie die Computermouse ganz genau, aber sie wagte nicht, sie in die Pfote zu nehmen.

Plötzlich stürzte die Stadtmaus wieder herein, völlig zerzaust, weinend und außer Atem. "Was ist geschehen?" fragte die Feldmaus erschreckt.
"Der Chatmäuserich" rief die Stadtmaus japsend, "Der Mäuserich war gar keiner, sondern eine große gefräßige Katze und ich bin ihr im letzten Moment entkommen! Und er klang sooo ehrlich im Chat. Nie wieder ein Blind Date. Nie wieder chatten. Nie wieder Computer." Und sie zog alle Stecker ab und begann, ihr Laptop in Einzelteile zu zerlegen. Die entsetzte Feldmaus wusste nichts mehr zu sagen und sah ihr dabei nur zu.

Die kleine Feldmaus war aber vom gefährlichen Stadtleben so schockiert, daß nun doch lieber wieder auf ihrem Maisfeld leben wollte. Sie bat ihre Cousine noch um einen letzten Gefallen, der ihr auch umgehend erfüllt wurde: die Stadtmaus schenkte ihr zur Erinnerung die Computermouse. Glücklich hielt die Feldmaus sie im Arm und machte sich auf die Wanderschaft.

Endlich wieder zu Hause, sah die Feldmaus ihre kleine Höhle mit viel mehr Wohlgefallen als vorher. Und sie fühlte sich auch gar nicht mehr allein, denn sie hatte ja die schöne Computermouse bei sich. Die Feldmaus drückte ihren neuen Wohngenossen fest an sich. Hier war er, der ideale Partner: er fraß nie den Kühlschrank leer, widersprach nie, ließ keine Socken auf dem Wohnzimmerteppich liegen und keine Haare im Waschbecken. Die Feldmaus war sehr glücklich.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wohnen sie noch heute im Maisfeld - ohne Internetanschluss.


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