Andrea Kalmer:
Die Geschichten des kleinen Chatters

Der kleine Chatter ist mir eines Morgens beim Kaffeekochen gedanklich über den Weg gelaufen und hat mir seine erste Geschichte erzählt. Seither meldet er sich alle paar Tage einmal und erzählt mir was. Er ist ein netter Kerl, wirklich. Er verlangt nicht viel Aufmerksamkeit, aber er hat es gern, wenn man ihm zuhört. Deshalb schreibe ich seine Geschichten hier auf. Seine Geschichten sind alltäglich, nichts besonderes. Eigentlich ist er ein Chatter wie Du und ich. Man vergißt nur so leicht, wie es am Anfang war und welche Fehler man gemacht hat und ... und...

Geburt und 1. Lebenstag

Als der kleine Chatter geboren wurde, war er 22 Jahre alt. Für kleine Chatter ist das ein normales Geburtsalter, fast schon ein bißchen zu alt. Aber Chatter werden eben zu unterschiedlichen Zeiten geboren. Als der kleine Chatter noch gar kein Chatter war, hatte er auch schon einen PC und konnte auch seine Programme anwenden, aber eines Tages hörte er von einer neuen Sache, die "In" wäre: das Internet. Viele seiner Kollegen redeten von heißen "Chats", die sie im Internet gehabt hatten und von "Blind Dates", die alle natürlich auf die gleiche Art ausgingen. Unser Kleiner meldete sich bei einem Provider an und kaufte ein Dutzend Internet-Zeitschriften. In einer der Zeitschriften las er über Chats und über den größten und besten: Metropolis.

Er tippt die Adresse langsam ein. h-t-t-p.... und murmelt die Buchstaben mit. Er hangelt sich durch die Einführung und schließlich landet er bei der Registrierung. Ein Nickname. Himmel, was nimmt man da? Er versucht seinen Vornamen - gibt es schon, sagt die Maschine. Vorname mit Alter? - auch schon. Die Maschine ist unerbittlich. Schließlich fällt ihm nichts mehr ein und er registriert sich als "Der kleine Chatter". Die Maschine wirft ihn im Metropolis ab. "98 Chatter online" verkündet das Eingangsbild. "Ab in den Chat"

Erstmal sieht der kleine Chatter staunend zu und liest sich durch die Onlineliste. Diese Namen! Fast tut es ihm leid, daß er keinen besseren Einfall hatte. Dann folgt er der Unterhaltung. Manches ist ziemlich albern, ein paar Zweideutigkeiten. Jemand erzählt einen Witz, aber den kennt der kleine Chatter schon. Die meisten anderen Chatter auch, wie er an den Kommentaren sieht. Nach dreimal Hingucken ist ihm auch die Bedeutung der Smileys klar, jedenfalls meistens. Bis sich jemand namens "fiese Bazille" einloggt und alle mit diesem Symbol begrüßt: :o) Was soll das denn jetzt heißen?

Plötzlich erhält er eine "private Mitteilung", sie flimmert rot im linken Frame: "Na Kleiner, neu hier?". Und jetzt? Was antwortet man darauf? Der kleine Chatter hat vor Aufregung feuchte Hände, tippt drei Buchstaben, löscht sie wieder. Äh - privat, wie war das noch? Ach ja, ankreuzen. Und wer hatte denn da geschrieben? - Zurückscrollen, Namen suchen. "Mädchen19". Wieder ans Ende, damit er den Chat nicht verpasst. Und was schreiben? Halt, erst "Mädchen19" anklicken. Ja, das geht. Jetzt schreiben. Geht nicht - ach, doch, erst wieder mit der Maus in das Feld klicken. Was schreibt man jetzt? Was intelligentes, nicht zu sehr, aber es muß doch Eindruck machen. Aber wenn es ihr zu abgehoben ist? Er schreibt. löscht. schreibt. löscht. Schließlich entscheidet er sich und tippt: "Ja". Enter.

Er schaut wieder in die rechte Seite, seine Meldung müßte jetzt dort auftauchen. In rot, das hat er schon verstanden. Die rote Schrift am Ende taucht auf: "Mitteilung vom Channelmaster: Mädchen19 ist nicht mehr online".

Immerhin kann er heute abend seinen Kollegen erzählen, er sei von einem Mädchen angebaggert worden. Zufrieden beendet der kleine Chatter seinen ersten Lebenstag und schaltet den PC aus.

2. Lebenstag

Der kleine Chatter kommt von der Arbeit und wirft sofort den PC an. Gestern war er ja nicht so erfolgreich, aber irgendwann muß es doch klappen... Metropolis hat er schlauerweise gebookmarked. Log-in, Nickname und Password eingegeben. Ab in den Chat. Er hat schon was gelernt, jetzt begrüßt er alle freundlich "Hallo, zusammen". Antwort bekommt er natürlich nicht, und "Mädchen19" ist auch nicht online. Etwas frustriert sieht er wieder den anderen zu.

Ein paar Mal versucht er, einen weiblich klingenden Nick anzusprechen, und nach einigen Versuchen ist er erfolgreich, sie grüßt zumindest zurück. Langsam tastet er sich nach vorn, frag sie nach ihrem Alter und Wohnort. Aber er muß lange auf die Antwort warten. Es kommen immer mehr Leute und der Chat wird ziemlich langsam, außerdem wiederholen sich Teile des Chats einige Male. Unser kleiner Chatter ist ein wenig genervt und tippt ganz mutig an die Allgemeinheit: "Ich bin neu hier, kann mir jemand sagen, warum das hier so langsam geht?". Keine Antwort.

Er schickt es noch einmal. Oh, doch eine Antwort. Der Schmähbruder: "Kleiner Chatter: Einfach Alt+F4 drücken, dann geht es schneller." Der kleine Chatter bedankt sich artig. Er sieht noch eine Message von yolanthe: "Schmähbruder... kannst es nicht lassen *grins*" , dann drückt er die Tastenkombination - und steht wieder im Windows. Chat ist aus, Explorer ist aus. Totaler Absturz. Erst da fällt ihm ein, daß diese Tastenkombination generell die Programme beendet. Das hätte ihm doch auffallen müssen! Er schimpft sich selbst einen Esel und startet wieder von vorn. Explorer ein, Metropolis. Log-in. Und was steht dort: "Kanal Metropolis (105), voll"

Fluchend schwört sich der kleine Chatter, nie, aber auch nie wieder einen Fuß ins Metropolis zu setzen und schaltet den PC aus.

3. Lebenstag - erste Chatliebe

Eine Woche hat sich der kleine Chatter nach der Enttäuschung zurückgehalten. Aber schließlich landet er doch wieder im Metropolis, begrüßt die Anwesenden und erhält (wie immer) keine Antwort. Er weiß aber längst, daß nur den Stammchattern geantwortet wird, und deshalb macht es ihm nicht ganz so viel aus und er liest sowieso nur mit. Plötzlich sieht er, daß sich "Mädchen19" einloggt, er wird ganz nervös, aber er weiß, wenn er sie zu früh anspricht, sieht sie es vielleicht noch nicht, weil sie vorher ihre Metromail liest oder von anderen angesprochen wird. Mühsam beherrscht er sich zwei Minuten.

Sie wirft ein lässiges "Hallo" in den Chat, bekommt keine Antwort und der kleine Chatter sieht darin seine Chance. Ein private Message an Mädchen19: "Hallo, wie geht es dir?". Enter. Es ist getan! Er hat sie angesprochen! Mit Herzklopfen beugt er sich vor, die Nase dicht am Bildschirm. Wird sie antworten? Eine Minute, zwei Minuten. Da! "Hallo, kleiner Chatter. Schön dich zu sehen." Der kleine Chatter schlägt sich vor Freude auf die Schenkel... sie hat geantwortet! Ihm! Eifrig tippt er zwei Fragen an sie - er weiß nicht, daß gerade diese Fragen absolut ausgeleiert sind und daß sie jede Frau im Chat nerven - die Fragen brennen ihm auf den Nägeln, und so fragt er sie nach Name und Wohnort. Die Antwort fällt anders aus, als er erhofft hat: "Bah, immer die gleichen blöden Fragen" und Mädchen19 scheint in unerreichbare Ferne gerückt.

Der kleine Chatter ist verzweifelt. Jetzt braucht er eine Idee, aber sein Gehirn scheint sich verflüssigt zu haben... was tun? Er liest, was die anderen so öffentlich in den Chat schreiben... meist wird geknuddelt, aber das scheint ihm dann doch zu gewagt zu sein. Dann loggt sich Chefkoch ein, und wird von allen Seiten bestürmt, etwas Essbares zu fabrizieren und der kleine Chatter hat eine Idee. An Mädchen19: "Ich wollte eine Torte backen, mit deinem Namen darauf und sie zu Dir schicken.". Die Antwort läßt auf sich warten, der kleine Chatter kaut auf seinen Nägeln. Da, die Antwort: "das ist ja süß... *knuddel*". Sie hat ihn geknuddelt! Er kann es nicht fassen...

Aufgeregt tippt er weiter und sie antwortet weiter, es ist zu schön um wahr zu sein. Dann sagt sie, sie habe keine Zeit mehr, und ob er morgen zur gleichen Zeit wieder hier wäre. Er verspricht es ihr und schaut zu, wie sie den Chat verläßt. Und auf Wolken schwebend beendet er ebenfalls den Chat. Er hat seinen Kollegen heute abend viel zu erzählen, schließlich ist sie jetzt "sein" Mädchen.

Der 4. Tag

Der kleine Chatter schaltet den PC ein. Er weiß ja immer noch nicht, wie "Mädchen19" wirklich heißt und wo sie wohnt. Aber er hat den ganzen Tag an sie gedacht und in seinen Gedanken ist sie wunderschön. Auch jetzt seufzt er verklärt, als er an sie denkt. Sie ist noch nicht da. Er schaut auf die Uhr - eigentlich ist das doch ihre Chatzeit? Naja, um die Zeit nicht allzu lang werden zu lassen, spaziert er ein bißchen in Metropolis herum. Hier gibt es ja noch mehr, als nur den Chat. Er landet in den News. Die Themen sind nicht so überaus interessant, ein Valentinsgruß, ein anonymer Antifaschist, jemand sucht eine Wohnung... aber da: "Die wichtigsten Regeln für Chatneulinge".

Begeistert öffnet er das Dokument, Tips kann man ja immer gebrauchen. Naja, Begrüßungsregeln, die findet er schon recht seltsam. Dann werden die Fragen, die er auch immer stellt, als wichtig angegeben. Gut, hat er wenigstens nichts falsch gemacht. Zuletzt sagt der Autor, er habe allerdings mit diesen Regeln auch noch nie Erfolg gehabt und bei Punkt 11 kommen dem kleinen Chatter Zweifel über die Ernsthaftigkeit des Beitrages. Unten steht eine Eingabemöglichkeit für einen Untereintrag. OK, denkt der kleine Chatter, versuchen wir es mal. Er frag natürlich erst einmal, ob das alles ernst war, und dann wird er eine wichtige Frage nach der anderen los. Die wichtigste ist natürlich: "wie schafft man es, von einem Stammchatter gegrüßt zu werden?" Herzklopfend schickt er den Beitrag ab, schaut noch mal auf Rechtschreibfehler und dann schickt er es endgültig. Dann aktualisiert er die News. Ja - da steht sein Beitrag. Er muss ihn unbedingt noch einmal aufrufen und ansehen.... ja, ist OK, aber das mit der Schuhgröße hätte er besser weglassen sollen. Naja, läßt sich nicht mehr ändern.

Er geht wieder in den Chat, aber Mädchen19 ist immer noch nicht da. Er wird unruhig. Ob sie einen Freund hat? Oder einfach nur so nicht da? Es kann ja so vieles dazwischen kommen. Er zählt innerlich alle Möglichkeiten auf, sie sind alle akzeptabel, aber er hat doch richtig Sorge, daß sie schon in festen Händen sein könnte. Chatten macht auch so keinen Spaß, trotzdem er gerade von einer "Laura100" angesprochen wird, aber er ist einfach nicht richtig bei der Sache. Er verläßt den Chat.

Die 3. Woche

Der kleine Chatter kommt von der Arbeit. Eigentlich ist er ja mit seinen Freunden verabredet, aber er will doch noch mal kurz in die News schauen. Antwort von Ember:
"als erstes möchte ich dich mal grüßen, damit du auch mal von einem stammchatter gegrüß wirst. und keine angst. die shuhgröße hat keinen einfluss auf die online zeit, sonst hätte sunmaster entweder latschen wie öltanker *sun zu zwinker* oder ich hätte mehr online zeit als er. *gg* hat also nix miteinander zu tun."

Hm, irgendwie versteht er den letzten Absatz nicht so recht, wer ist sunmaster und überhaupt? Aber ein Stammchatter hat ihn gegrüßt! Der kleine Chatter ist ganz stolz. Jetzt wüßte er nur noch gerne, ob ember männlich oder weiblich ist. Bei "Mädchen19" ist das irgendwie einfacher. Leider klingeln gerade seine Freunde an die Tür und er schaltet den PC aus.

Der kleine Chatter und das große Chattertreffen

Als der kleine Chatter den Hinweis auf das Chattertreffen in Essen sah, faßte er sofort den Entschluß, auch daran teilzunehmen. Und vor allem: wenn "Mädchen19" ihn auf der Liste sähe, würde sie vielleicht auch kommen... So ließ sich der kleine Chatter bei Nemesis registrieren und nach einigen Rückfragen, z.B. ob die 25 DM Eintritt oder für das Essen seien oder ob das Essen in Essen extra bezahlt werden müßte und was wäre wenn er gar nicht essen wollte und wie das mit dem Hotelzimmer sei. Nemesis verwies ihn freundlich, aber bestimmt nach der dritten Anfrage an yolanthe, die für ihn das Hotelzimmer buchte und ihm sicher bestätigte, daß sein Realname auch wirklich geheim bleibe, ebenso wie seine Adresse und Schuhgröße. Nach weiteren zwei Mails wußte er auch, daß er keine Handtücher mitbringen brauchte und daß das Frühstück im Preis inbegriffen wäre.

Der kleine Chatter freute sich mächtig auf das Treffen und kontrollierte jeden Tag die Anmeldeliste nach "Mädchen19". Aber dann war die Anmeldefrist herum und die Abmeldefrist auch, aber er tröstete sich damit, bei dem Treffen jede Menge Stammchatter kennenzulernen, schließlich hatte er bereits einige Vorstellungen davon, wie diese sein müßten.

Der große Tag ist da! Samstag, 28. Februar 1998, sechzehnuhrfünfundzwanzig: der Kleine Chatter betritt das Foyer des großen Hotels und fragt ein wenig schüchtern nach seinem Einzelzimmer. Es ist auf dem gleichen Flur, wie der Saal, das hört er gleich und außerdem hört er einige Frauen kichern. Verstört bringt er erst einmal sein Gepäck ins Zimmer. Richtig, Handtücher sind auch da, obwohl er vorsichtshalber doch eines mitgebracht hat. Naja. Er kämmt sich nochmal die Haare, schaut, ob er keine Speisereste an den Zähnen hat und ob er Geld und Zigaretten eingesteckt hat. Dann taucht er sich noch einmal heftig in sein After Shave und verläßt, eine Wolke des Wohlgeruchs nach sich ziehend, das Zimmer. Noch immer Frauengelächter auf dem Flur. Er schluckt, aber er muss ja dran vorbei.

Drei stehen vor dem Eingang, vor sich auf einem Tisch etliche bunte Buttons liegend. Sie fragen nach seinem Namen, er bezahlt den Eintritt und die eine, die blonde, kommt sogar auf ihn zu und befestigt den Button direkt an seinem Hemd. Das macht ihn nervös, vor allem, weil die anderen ständig von "piercen" reden. Aber es geht gut, außer daß Nemesis von seinem After Shave niesen muß. Vielleicht war es doch zu viel. Im Saal herrscht buntes Treiben. In erster Linie sieht man Leute, die sich mit schräggestelltem Kopf auf den Brustkasten sehen. Buttons lesen. Einige kommen auf ihn zu, lesen seinen Namen und sagen "komisch, noch nie gesehen..." und drehen sich sofort wieder weg. Aber ein paar freundlichere gibt es auch. Nur wenn sie ihn nach seine Zugehörigkeit zum Metropolis fragen, wird es schwierig. Bei seiner Angabe "ein paar Wochen", lächeln sie und drehen auch schnell wieder ab. Es stört ihn. Beim nächsten Mal sagt er: "Ja so ein paar Monate" und siehe, er kommt schon besser ins Gespräch. Zur Not kann er sich immer herausreden, er würde zu ganz anderen Tageszeiten chatten.

Eine hat einen Hund mit, das gefällt ihm. Das Tier verläuft sich in die Küche und wird von einem mürrischen, affektiert redenden Kellner wieder hinausgeworfen. Der kleine Chatter setzt sich an einen freien Tisch im Saal und betrachtet die Leute. Sehr gemischte Gesellschaft, da sind doch tatsächlich Leute um die 40 dabei... das hätte er nicht gedacht. Er hat sich alle Chatter immer jung und studentenmäßig vorgestellt, aber hier sieht es eher aus, wie auf einer Familienfeier. Einige Chatterinnen tragen Miniröcke (das war mal ein Gag in den News, der ihm sehr gefallen hat), einige tragen noch kürzer als Mini und er starrt verlegen woanders hin. Alle Leute scheinen sich durcheinander zu bewegen, also geht er auch ein wenig herum, ebenfalls mit schräggelegtem Kopf, um die Nicknamen zu lesen. "Sunmaster" - der Rekordhalter der Onlinezeit. In seiner Vorstellung war das immer ein strahlender Held, mindestens 1.80 groß, breite Schultern.... naja, einen Teil seiner Vorstellungen muß er eben revidieren.

"Zauberin von Oz" - das ist die, die ihm immer hilft, wenn er nicht weiter weiß. Sie schaut so lieb aus und sie spricht sogar mit ihm. Jetzt gefällt es ihm schon besser hier. Das Essen in Essen ist eßbar, pardon, einigermaßen gut. Als die meisten Chatter satt sind, wollen einige tanzen und räumen Tische zur Seite. Der kleine Chatter tanzt nicht gerne, er sieht dabei immer so unbeholfen aus, aber er schaut auch gerne zu. Plötzlich entsteht ein riesiger Trubel und er sieht, wie eine Frau auf einen Tisch gehoben wird - stimmt, jetzt fällt es ihm ein, man hatte ja Tabledancing angekündigt. Voller Vorfreude drängt er sich nach vorne, aber die Frau springt gerade in diesem Moment unter Blitzlichtgewitter vom Tisch. Der Einsatz war wohl doch nicht geplant, schade.

Im Laufe des Abends wird viel getrunken, auch der kleine Chatter trinkt einige Bierchen und unterhält sich danach sehr angeregt mit einigen Chatterinnen und manchmal auch mit Chattern. Den DJ findet er voll in Ordnung, der ist echt professionell und der kleine Chatter schaut ihm bewundernd zu. Wow - so ein DJ in seinem Heimatort und er würde sich nie wieder nach der Großstadt sehnen. Die Stimmung wird immer besser, feuchtfröhlich und manchmal erwischt er auch einen heimlichen Schluck aus der heimlichen Tequila-Flasche, die unter den Tischen kursiert. Und kleine Feiglinge, die mühsam und geheimnisvoll vor den Kellnern versteckt und dann von allen in der Runde lautstark auf den Tisch geklopft werden... Die Kellner stellen sich blind und vor allem taub und so gibt es keinen Ärger.

Bis spät in die Nacht feiern die Chatter, aber so gegen drei fällt der kleine Chatter in sein Bett, von der Feier hört er kaum etwas, er ist viel zu angetrunken. Aber es hat ihm gut gefallen, denkt er beim Einschlafen. Wenn nur "Mädchen19" hier gewesen wäre....

Am "Morgen danach" sitzt ein Großteil der Chatter im Frühstücksraum, alle ohne Button (der kleine Chatter nimmt seinen blitzschnell ab und steckt ihn in die Tasche). Keiner kennt keinen, und irgendwie sehen alle anders aus... das Licht ist erbarmungslos und scheint auf Augenringe, blasse Gesichter und schwere Lider. Kollektivgähnen und nur leise Unterhaltungen. Der kleine Chatter findet nette Aufnahme an einem Tisch, obwohl er nicht einen einzigen Chatter daran mit Namen nennen könnte. Aber das ist nicht so wichtig, der Kellner mit dem Kaffee ist viel wichtiger... Die Kellner sind übrigens die gleichen wie am Abend und von denen sieht auch keiner besser aus als die Chatter. Gefrühstückt wird bis gegen 13.00 Uhr, dann ist Aufbruchstimmung. Alle wünschen sich gute Heimfahrt, knuddeln sich noch mal herzlich, und der kleine Chatter bekommt auch ein paar Knuddel ab, weil ja keiner weiß, daß er noch kein Stammchatter ist. Aber er nimmt sich ganz fest vor, einer zu werden. Jawohl!

Der kleine Chatter und die Liebe

Nach vielen Wochen und Monaten im Chat und nach der Vereinbarung mit seinen Eltern, die Telefonrechnung künftig selbst zu zahlen, nach ca. 80 Gesprächen und ebensovielen E-Mails mit Mädchen19 hat es der kleine Chatter endlich geschafft: sie will sich mit ihm treffen!

Er wohnt im Ruhrgebiet, sie wohnt in Süddeutschland. Das heißt sparen, vor allem, weil das meiste Geld für die Telefonrechnung draufgeht. Aber schließlich ist der große Tag da und der kleine Chatter sitzt im Intercity Richtung Süden. Sechs Stunden dauert die Fahrt. Sechs Stunden überlegt er, wie SIE aussehen mag, denn Fotos wollte sie nicht austauschen. In seinem Kopf ist sie zu einer Mischung zwischen Claudia Schiffer und Dornröschen geworden, schön, elegant, groß und einfach umwerfend. Der kleine Chatter ist in sein eigenes Bild von "Mädchen19" so verliebt, daß er sich nicht auf seine Zeitschriften konzentrieren kann. Er träumt von ihr, von der Begegnung und ziemlich viel, wie dieses Wochenende ausgeht und daß er das Hotelzimmer vielleicht gar nicht braucht oder auf Doppelzimmer umbuchen muß. Er überlegt sich, wie er sie mit zu seinen Freunden nimmt und ihn alle bewundern, daß er diese Schönheit aus dem Internet gefischt hat. Beate heißt sie. Ach, Beate...

München Hauptbahnhof. Sie haben sich am Bahnsteig verabredet, ganz vorn, wo die Lokomotive steht. Sein Platz war in der Mitte des Zuges, also muß er noch ein wenig nach vorn laufen. Er ist aufgeregt und hat gleichzeitig Angst, daß er ihr nicht gefallen könnte. Seine Hände sind ganz verschwitzt. Peinlich. Ob er ihr besser nicht die Hand gibt und sie vielleicht gleich in den Arm nehmen soll? Dann merkt sie die feuchen Hände vielleicht gar nicht. Oh Gott! - Hoffentlich riecht er nicht nach Schweiß. Es ist Herbst, kalt draußen, und er hat das Gefühl, in seiner Jacke zu verdampfen. Jetzt ist das vordere Ende des Zugs erreicht. Keine blonde Schönheit in Sicht. Sie ist nicht da! Ich wußte es ja, sie kommt gar nicht erst! Er ist völlig verzweifelt, bleibt stehen und schaut sich um.

Da zupft ihn jemand an der Jacke. "Bist du Markus?". Er dreht sich um, sieht im ersten Moment niemanden und senkt dann seinen Blick. Da steht ein Mädchen, 20 cm kleiner als er, blonde ausgeblichene Dauerwelle. Mehr sieht er nicht, bis sie ihn ansieht, graue Augen hinter Brillengläsern. Er schluckt. "Ich bin Bea" sagt sie leise. Er schluckt nochmal, schluckt all die Illusionen und Bilder hinunter und sagt Hallo. Auf dem Weg zur U-Bahn sieht er sie verstohlen von der Seite an. Sie ist so unscheinbar. Gut, daß er nur zwei Tage in München bleibt, die wird er schon irgendwie überstehen.

Verlegen schweigend bringen sie seine Reisetasche ins Hotel und gehen in ein Café in der Nähe. Jetzt sitzen sie sich gegenüber und der kleine Chatter kann es kaum vermeiden, sie anzusehen. Sein Mädchen19, das so witzig und intelligent mit ihm im Chat geflirtet hat - das soll diese kleine graue Maus sein? Sie rührt angelegentlich in ihrem Kaffee. Dann schaut sie auf und ihm direkt in die Augen. "Du bist enttäuscht" stellt sie fest und senkt den Blick nicht wieder. Irgendwie ist ihm das unangenehm. "Nein, nein" beeilt er sich zu sagen, aber er hört selbst, daß es nicht ehrlich klingt. Sie hört es auch.

Vor lauter Verlegenheit beginnt er zu erzählen, über sich, seinen Job, seine Freunde. Über das Internet, über seine Familie und über seine kleinen Sorgen. Sie hört zu, sie hört richtig zu und ihre Bemerkungen sind nie oberflächlich. Als ihm das klar wird, stockt er und schaut sie wieder an. Sie gefällt ihm schon besser, irgendwie. Und sie lächelt ganz sympathisch. Er bittet sie, von sich zu erzählen und das tut sie auch. Er merkt, daß er ihr gerne zuhört.

Als der kleine Chatter sonntags im Zug nach Hause sitzt, hat er nicht die große Liebe gefunden, die er sich erhofft hat. Keine Traumfrau, mit der er seine Freunde beeindrucken kann. Aber eine gute Freundin, die zuhören kann und die ihn versteht. Der kleine Chatter lächelt. Richtig gute Freunde findet man selten.

© Andrea Kalmer 1999


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