Andrea Kalmer:
Computer Casanova

(für U.D., der sicherlich nicht darüber lachen kann)

An jedem neuen Tag danke ich Gott dafür, daß er den Computer erschaffen ließ. Der Computer ist der große Gleichmacher, der Tolerator, sozusagen. Was will ein Mann mehr?

Ich brauche nicht mehr mit gutaussehenden und ich-bin-gut-im-Bett-ausstrahlenden Typen zu konkurrieren. Ich brauche mir keine locker-flockigen Sprüche jenseits von "schau mir in die Augen, Kleines" einfallen lassen, ich brauche kein Haarspray, keine Rasur und keine knapp sitzende Jeans. Ich brauche keine Designer-Hemden, keine unbequemen Schuhe und keine In-Kneipen. Ich brauche nicht nett zu sein, nicht nett auszusehen, keine liebevollen Blicke über Distanz.
Ich nicht. Ich habe einen Computer.

Seitdem ich diese Wundermaschine besitze, klappt es wieder mit den Frauen und Casanova hat als Vorbild ausgedient. Im unendlichen Netz finden sich reichlich potentielle Opfer.
Ein paar Chats + ein paar E-Mails = ein erfolgreiches Wochenende, irgendwo in Deutschland. Und das schaffe ich mit Bierbauch und passender Dose, in Unterhemd und Pantoffeln, unrasiert, chipsfressend und rülpsend vor dem Computer.

Zugegeben, anfangs waren Frauen noch recht spärlich gesät im Internet und ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, Spreu von Weizen zu trennen - sprich: sich als Frauen ausgebende Geschlechtsgenossen von den wenigen echten Cyberweibern. Aber nach einiger Zeit hat man das heraus. Frauen benutzen bestimmte Ausdrücke nicht oder stoppen die Konversation, wenn man sie benützt. Männer, die sich als Frauen ausgeben, gehen auf alles ein. Man(n) braucht also nur ein zweites Browserfenster und einen zweiten Decknamen (Nick heißt das im Chat), unter dem er ziemlich üble Sprüche verbreitet. Mit diesem findet man die echten Frauen und unter seinem üblichen Nicknamen vertreibt man dann in edelster Manier den üblen Anmacher. Doppelwirkung - ein toller Trick.

Die echten Frauen mögen noch immer Helden. Der Spruch "ich hasse es, wenn jemand so mit einer Frau spricht" und erzählt etwas von "tiefstem Respekt vor Frauen" - und ist um ein Hundertfaches erfolgreicher als mit der alten Bogart-Tour. Habe ich eine Frau somit an der Angel, mache ich ihr klar, daß ich nicht in der üblichen Art und Weise an ihr interessiert bin und daß "anbaggern" mindestens so entfernt ist wie Australien. Natürlich sage ich das nicht wortwörtlich, sondern ich plaudere ein wenig, stelle kaum Fragen und erzähle nur wenig von mir selbst. Dann verabschiede ich mich artig und verlasse den Chat. Sie findet mich interessant und Sie können wetten, daß die Dame beim nächsten Chat auf mich wartet.

Ich enttäusche sie nicht. Ich bin da. Und wieder wird geredet, ein bißchen persönlicher, aber nur wenig. Und so weiter, bis ich erkläre, daß man sich per E-Mail ausführlicher einbringen könnte. Ich bitte nicht um ihre Adresse (Frauen sind so mißtrauisch), sondern gebe ihr meine. Wenn sie angebissen hat, wird sie ein Mail schicken. Und in die Falle gehen.

Phase Drei: Sie schickt ein E-Mail. Jetzt kann ich schon mal ein Bierchen auf den zukünftigen Sieg trinken. Verständnisvoll und sensibel gehe ich auf ihre Mail ein und wenn sie nicht so persönlich war, ist es meine Antwort um so mehr. Ich erzähle von Frauen, die ich kenne (aber nur als "gute Freundinnen") und meine Hingezogenheit zu ihnen und daß ich mich mit Frauen sowieso aufgrund meiner Sensibilität viel besser verstehe als mit meinen gefühllosen Kumpanen. Ich erzähle kleine Geschichtchen von Freundinnen, die sich bei mir aussprechen und für deren Probleme ich immer ein offenes Ohr habe. Ich steigere mich in diese Rolle, bis sie paßt wie eine zweite Haut. Und so werden meine Briefe sehr glaubhaft, so glaubhaft, daß ich selbst daran glaube. Das ist praktisch, denn so kann sie mich nie bei einem Widerspruch erwischen.

Nach dem dritten oder vierten Mail schreibe ich ihr die wichtigste Antwort: "Ich kann in Deinen Briefen zwischen den Zeilen lesen, daß Du mal sehr verletzt worden bist". Das sitzt. Das sitzt immer. Jede Frau ist irgendwann einmal verletzt worden. Sie rühmt daraufhin mein Einfühlungsvermögen und ihr Vertrauen ist zementiert.

Dann - und erst dann - schicke ich ihr ein Foto. Es ist mein bestes, sehr schmeichelhaft, aber es ist schon klar, daß ich kein gutaussehender Mann bin. Habe ich auch nie behauptet, solche dummen Fehler mache ich schon lange nicht mehr. Aber zu diesem Zeitpunkt ist ihr das auch schon völlig egal. Gewonnen!

Meist kommt dann auch ein Bild von ihr. Hier entscheide ich, ob ich sie will. Ich nehme ja nicht jede, gut aussehen muß sie auf jeden Fall. Ist sie ganz besonders hübsch, strenge ich mich natürlich ein bißchen mehr an.

Zu diesem Zeitpunkt beginnt Phase vier: Telefonieren. Ich habe eine gute Stimme, tief und männlich - ich weiß, daß die Frauen darauf stehen. Wir telefonieren oft und lange. Das muß man halt investieren.

Danach ist alles ganz einfach. Ich verlege irgendeinen Bekannten in ihre Heimatgegend. Den will ich irgendwann besuchen und wir verabreden uns ganz unverbindlich auf einen Kaffee. Frauen mögen solche Blind Dates lieber in der Öffentlichkeit, das weiß ich und deshalb schlage ich immer ein Café in der Innenstadt oder so vor. Dann kommt der schwierige Teil. Ich teile ihr mit, daß ich zu dem Termin doch nicht kommen könnte, weil mein Bekannter plötzlich weg mußte oder so. Und wenn sie dann arg enttäuscht klingt, frage ich sie, ob ich nicht - ganz unverbindlich, natürlich - auf ihrem Sofa übernachten könnte. Ich würde sie doch so gerne persönlich kennen lernen und sie wüßte doch, daß sie mir vertrauen könnte. Glauben Sie mir, in neun von zehn Fällen bekomme ich das Sofa.

Noch Fragen wie es weitergeht? Sie wird es wollen. Ich werde mich zieren, weil ich ihr Vertrauen nicht mißbrauchen will. Und irgendwann werde ich das Kondom in meiner Brieftasche benutzen. War es gut, werde ich sie zu mir einladen und noch ein Wochenende mit ihr verbringen. Aber spätestens danach werde ich ihr klar machen, daß ich keine Beziehung über eine so lange Distanz ertragen kann und die Sache beenden. Dabei werde ich mir sehr leid tun und ihr noch oft schreiben, wie sehr es schmerzt. Denn ich glaube ja selbst daran.

Und mit ihren Problemen und ihrer Geschichte versorge ich währenddessen die Neue, die schon in einer anderen Stadt auf Mails von mir wartet. Mein Liebesleben ist abwechslungsreich und über Casanova kann ich nur noch lächeln.
Aber der hatte ja auch keinen Computer.


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