Brunetti
Wie mich Uli Hoeneß ruinierte

Haben Sie mal ne Mark für mich? - Entschuldigen Sie, haben Sie etwas Kleingeld übrig? - Können Sie mir vielleicht etwas Geld geben? - Was meinen Sie damit, ich sehe nicht aus wie einer, der in der Fußgängerzone Leute um Geld anbetteln muß? Na ja, früher hatte ich das ja auch nicht nötig. Ging mir eigentlich ganz gut mit meinem kleinen Schreibwarengeschäft. Und Fußball sehen, das konnte ich mir damals noch leisten.

Also, ich war ja immer schon Fan des FC Bayern München. Schon, als Beckenbauer und Müller noch aktiv waren. Bin auch damals immer nach Stuttgart gefahren, wenn die Bayern dort spielten. Viel brauchte man damals ja nicht als Fan. Einen Vereinsschal natürlich. Und einen Wimpel für übers Bett. Aber sonst ... Heute ist das natürlich anders. Man will sich schließlich mit seinem Verein identifizieren.

Es fing alles damit an, daß mein Ältester mit einem Fanshop-Katalog nach Hause kam. Weihnachten stand vor der Tür, und er stellte aus dem Katalog seinen Wunschzettel zusammen. Fand ich ganz in Ordnung damals. Schließlich macht unser Jüngster das mit seinem Playmobil-Katalog genauso. Also gab es in dem Jahr FC-Bayern-Bettwäsche. Und ein Trikot mit der Original-Unterschrift von Mehmet Scholl. Dazu den FC-Bayern-Jahreskalender. Na ja, und weil es so praktisch war, habe ich für meine Frau auch gleich ein Paar Ohrringe in Vereinsfarben und FC-Bayern-Parfüm bestellt. Und mir die CD "Fußballstars singen Weihnachtslieder" und eine FC-Bayern-Fahne (hundertsechzig-mark-achtzig!). Das waren dann 435,50 DM plus Versandkosten. Schließlich ist nur einmal im Jahr Weihnachten.

Aber dazu gibt s noch viermal im Jahr Geburtstag bei uns. Und da läppert sich einiges zusammen. Ein Modell vom Mannschaftsbus, eine Schultasche mit Vereinswappen, das "Clubline-Jacket" mit passendem Schlips (nur ganz dezent mit Vereinsemblem), Bettvorleger und Badetücher und und und. Das sei aber ganz normal, wie mir die anderen vom Fanclub "Die Breisgau-Bayern" erzählten. Und außerdem: pädagogisch wertvoll. Wirklich! Seit wir alle FC-Bayern-Zahnbürsten haben, putzt sich unser Jüngster wenigstens regelmäßig die Zähne. Und Sie glauben ja gar nicht, wie gern unser Ältester jetzt Wurst ißt, seit bei uns die FC-Bayern-Fan-Salami auf den Tisch kommt. Früher aß er nur Nutella; das ist jetzt vorbei. Nebenbei: Meine Frau und ich trinken seit neuestem auch nur den FC-Bayern-Champions-Wein (halbtrocken).

Bei der Sache mit den Cornflakes kamen mir zum ersten Mal Bedenken. In jeder Packung gab es Bilder der Bayern-Stars. Klar, daß meine Söhne jetzt Cornflakes wollten. Aber irgendwie waren die Bilder ungleich verteilt. Manche Spieler waren in jeder Packung zu finden, andere überhaupt nicht. Und wir wollten doch die ganze Mannschaft vollzählig haben. Wir haben alle Supermärkte leergekauft (Glauben Sie mir, ich kann Cornflakes nicht mehr sehen!). Trotzdem fehlt uns immer noch Bixente Lizarazu (Mario Basler haben wir siebenundvierzigmal).

Uli Hoeneß, der Manager, macht das bestimmt extra. Um den Umsatz anzukurbeln. An mich als Fan denkt er nicht. Andererseits habe ich auch Verständnis für ihn. Er muß schließlich die Spielergehälter wieder reinbringen. Wenn die 4 Millionen im Jahr verdienen, muß ich als Fan auch etwas beisteuern. Ganz klar. Außerdem: Wenn ich Fanartikel kaufe, bin ich immer bei meinem Verein; symbolisch sozusagen.

Der Rest ist schnell erzählt. Erst der Kredit für die Fahrten zu allen Europapokal-Auswärtsspielen. Dann die Hypothek für die Reise mit dem Fanclub zum letzten Winter-Trainingslager in Rio de Janeiro (Sonderangebot für Fans: 12 Tage im Spielerhotel nur 4980,- DM pro Person inkl. Flug). Tja, und jetzt brauche ich halt noch etwas Geld. Wir träumen nämlich vom Opel Corsa Sondermodell "Lothar Matthäus" (29.990,- DM). Die Bank hat schon abgewinkt. Auch min Schuldenberater ist total dagegen. Aber ich kann doch nicht mit irgendeinem Gefährt durch die Gegend gurken. Als Fan.

Haben Sie mal ne Mark für mich?

(Mit freundlicher Genehmigung des Autors)


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