Die Geschwister Scholl und die Weiße Rose

Hans Scholl
22.09.1918 - 22.02.1943
Sophie Scholl
09.05.1921 - 22.02.1943
       
Christof Probst
06.11.1919 - 22.02.1943
Alexander Schmorell
16.09.1917 - 13.07.1943

Ein besonderes Beispiel von Zivilcourage ist für mich "Die weiße Rose". Die kleine und eher schwache Widerstandsbewegung einiger Münchner Studenten gegen die große Allmacht der Nazis zeugt von echtem Mut für den Kampf um Gerechtigkeit. Gründungsmitglieder waren Hans Scholl, Willi Graf, Christof Probst und Alexander Schmorell, später kam auch Sophie zu der Gruppe.

Sophie und Hans Scholl und ihre Geschwister Inge, Elisabeth und Werner lebten bis 1930 in Forchtenberg. Nach seiner Amtszeit als Bürgermeister zog Robert Scholl mit seiner Familie zunächst nach Ludwigsburg und 1932 nach Ulm, wo er als Wirtschaftsberater tätig war. Robert Scholl stand der Propaganda Hitlers kritisch gegenüber und der Eintritt seiner ältesten Kinder in die Hitlerjugend hat ihn stark enttäuscht. Hans war zunächst sehr aktiv in der HJ, Sophie verlor die Begeisterung als sie erfuhr, dass ihre jüdischen Freundinnen beim BDM ausgeschlossen waren.

Der Parteitag in Nürnberg 1935, an dem Hans Scholl teilnahm, führte zu einer radikalen Wende seiner Einstellung. Ernüchtert stellte er fest, dass es hier um leere Parolen und Herdendenken ging. Nach einem weiteren Zusammenstoß bei der HJ, die seinen Individualismus strengstens ablehnte, trat er endgültig aus.

Hans trat einem anderen Bund bei: der "deutschen jungenschaft 1.11.", eine verbotene Organisation, die sich unter der HJ-Tarnkappe mit Literatur, Musik und fremden Kulturen beschäftigte. Im Herbst 1937 wurden bei einer Säuberungsaktion Inge, Sophie und Werner Scholl von der Gestapo abgeholt. Sophie als jüngste wurde am Abend wieder frei gelassen, Inge und Werner wurden einige Tage in Untersuchungshaft gehalten. Hans war bereits zum Militär eingezogen worden und verbrachte fast fünf Wochen im Gefängnis.
Dieser Vorfall besiegelte den endgültigen Bruch der Geschwister mit der Ideologie des Nationalsozialismus.

Im Mai 1939 nahm Hans sein Medizinstudium auf. Sophie bestand im Mai 1940 das Abitur. Um dem vorgeschriebenen Arbeitsdienst zu entgehen, lernte sie Kindergärtnerin, wurde nach Abschluss der Ausbildung aber dennoch zum Arbeitsdienst herangezogen. Danach musste sie noch einen halbjährigen Kriegshilfsdienst ableisten. Erst im Mai 1942 konnte sie ihr Studium der Biologie und Philosophie in München aufnehmen.

Dort lernte sie die Freunde ihres Bruders kennen: Christof Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf. Sie studierten wie Hans Medizin und waren ebenfalls Mitglieder in der Studentenkompanie, d.h. sie gehörten der Wehrmacht an und mussten in den Semesterferien Wehrdienst leisten. Der "Münchner Kreis" mit seinen Mentoren Carl Muth und Theodor Haecker, die religiösen und philosophischen Einfluss nahmen, hatte sich in seinem Widerstand gegen das Regime gefunden. Nach der Verteilung der ersten antinazistischen Flugblätter an der Universität in München gesellte sich auch Sophie Scholl aktiv zu diesem Kreis. Insgesamt erschienen im Juni und Juli 1942 vier Ausgaben der "Weißen Rose".

Im August wurde Vater Scholl wegen abfälliger Äußerungen über Hitler zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Sophie wurde zu einem weiteren Kriegshilfsdiensteinsatz eingezogen. Im November 1942 musste die Studentenkompanie an die Ostfront ausrücken. Am Abend vor der Abreise beschloss der Münchner Kreis, Kontakt zu anderen Widerstandsbewegungen aufzunehmen.

Inzwischen hatten sich die Gerüchte über die Behandlung der jüdischen Bürger verbreitet. Auch Hans Scholl und seine Freunde wurden während ihres Russlandaufenthaltes mit der Realität konfrontiert. Sie sahen die Behandlung von Zwangsarbeitern und hörten von Massenhinrichtungen. Nach der Rückkehr aus Russland wurden die Aktivitäten weiter verstärkt. Auch Kurt Huber, Professor für Philosophie, wurde Mitglied der Gruppe. Das 5. Flugblatt der Weißen Rose konnte im Januar 1943 durch neue Kontakte nun auch in anderen Städten, z.B. Freiburg, Stuttgart und Karlsruhe, verbreitet werden.

Am 14. Januar 1943 hielt Gauleiter Paul Giesler eine Rede im Deutschen Museum vor der Studentenschaft, in der es hieß, die Studentinnen sollten, statt sich an den Universitäten herumzutreiben, "dem Führer ein Kind schenken" und bot den weniger attraktiven an, ihnen seine Adjutanten zu schicken. Die Studentinnen, die nach dieser Geschmacklosigkeit den Saal verlassen wollten, wurden festgenommen. Es kam zu einem Aufruhr, bei dem die Studentinnen von ihren Kommilitonen befreit wurden. Die Weiße Rose hatte die Veranstaltung boykottiert, dennoch war dieser Skandal eines der zwei Hauptthemen für das nächste Flugblatt.

Am 31. Januar 1943 kapitulierte die deutsche Wehrmacht vor Stalingrad.

Am 18. Februar 1943 verließen Sophie und Hans Scholl ihre Wohnung mit einem Koffer voller Flugblätter.
Es war das sechste und letzte Flugblatt der Weißen Rose. Sie verteilten die Blätter in der Universität zunächst auf Treppenstufen und Fensterbänken, dann stiegen sie die Stufen hoch und ließen die restlichen Blätter in den Lichthof regnen. Der Hausmeister Jakob Schmied erwischte sie dabei, verhaftete sie und überstellte sie umgehend der Polizei. Hans Scholl hatte noch einen handschriftlichen Entwurf von Probst in der Tasche, den er nicht schnell genug beseitigen konnte. Christoph Probst, Vater von drei Kindern, wurde am nächsten Tag verhaftet. Trotzdem die Geschwister Scholl versuchten, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen, wurden alle drei am 22. Februar zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet.

Alexander Schmorell versuchte zu fliehen, wurde jedoch einige Tage später verhaftet und starb zusammen mit Kurt Huber am 13. Juli. Willi Graf wurde am 12. Oktober hingerichet. Fast 80 weitere Mitglieder des Kreises, die zum Teil nur am Rande mitgearbeitet haben, wurden verhaftet, einige wurden hingerichtet oder starben im Gefängnis oder im KZ.

"Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa." (Aus dem fünften Flugblatt der Weißen Rose.)


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© A. Kalmer, 2003